Interview: Ohrenfeindt 24.02.2011 in Aschaffenburg/Colos-Saal

Auch wenn das neue Ohrenfeindt-Album „Schwarz auf Weiss“ erst am 14.4. erscheint, sind Jungs aus St. Pauli eifrig auf Tour. Natürlich wurden während des Konzertes bereits einige neue Titel gespielt. Und diese Songs waren richtig, richtig gut! Natürlich immer typisch Ohrenfeindt-Style – harter Vollgas-Blues-Rock mit tollen Riffs, rauen deutschen Texten und straighter Rhythmus.

Der Colos-Saal war für ein Headliner-Gig von Ohrenfeindt sehr gut gefüllt, es hätten wohl noch einige reingepasst, für die tolle Stimmung war es so wohl sogar besser.

Nachdem auf der letzten Tour mit Torfrock ihnen der Drumer zu eben dieser Band abhanden gekommen ist, ging man nun mit Flash Ostrock auf Tour, der seine Sache bestens erledigte.

Der Chef im Ring ist ganz klar Chris Laut und der beweist wie man einen tollen Auftritt mit viel Spass verbindet. Auch dem Lead-Gitarristen Dennis Henning konnte man den Spass anmerken, seine kurzen Solos gehören zu der Kategorie Extraklasse.

Eine bemerkenswerte Sache am Rande: ein total begeisterter, aber ratzevoller Fan versuchte bereits während der Show ständig der Band ne Runde Bier zu spendieren, was diese nicht mitbekamen oder mitbekommen wollten. Im Anschluss am Merch, bei dem natürlich persönlich anwesend war, versuchte er es noch mal! Chris bedankte sich artig, musste dem Fan jedoch mitteilen, dass er keinen Alkohol trinkt. Der Fan bekam sein Mund nicht mehr zu und kein Ton mehr raus, sein Weltbild geriet ins wanken: Rockmusik aus St. Pauli ohne Alkohol war wohl weit jenseits seines Vorstellungsvermögen. Tja, weshalb muss denn auch immer unbedingt jedes Klischee bedient werden? Gegen den Strom – hat was!

Danach ging’s mit Chris, Dennis und Flash in den Backstagebereich zum Interview.

Mike: Wie waren die bisherigen Shows?
Flash: eigentlich gut. Chris: immer sehr gut.
Flash: Die (Zuschauer) sind ja alle dageblieben zum größten Teil. Dennis: Also kanns nicht so beschissen gewesen sein. Chris: Ich hab ja extra die Türen zuschweissen lassen, das hab ich von den Stones gelernt.

Ihr bringt ja jetzt demnächst ne neue Scheibe raus,  „Schwarz auf Weiß“, ihr habt ja während der Show einige gespielt.  Welche Songs kommen denn am besten an?
Chris: Das können wir noch gar nicht sagen. Dennis: Wir haben auch noch gar nicht alle gespielt.  Wir rotieren dann immer ein bischen, um die live rauszukriegen. Das ist ja immer so ein Prozess: erst schreibst du einen Song, dann probst du ihn ein, dann gehste ins Studio und spielst ihn. Dann sitzt du sehr, sehr lange im Studio und hörst ihn und hörst ihn und hörst ihn und hörst ihn und danach hörst ihn und hörst ihn und hörst ihn und hörst ihn und danach hörst du ihn sehr oft.
Du bisst damit befasst ihn nicht sehr oft zu spielen, sondern aus den verschiedensten Blickwickeln zu hören, zu achten ob die Läutstärke stimmt, ob der Sound der Snaredrum cool ist, ob der Bass richtig liegt und und und, aber um ihm eben nicht zu spielen. Und dann gehst du irgendwann auf die Bühne und stellst fest, das letzte mal hab ich ihn vor nem halben Jahr gespielt., d.h. er ist nicht mehr automatisch drin und d.h. du musst dir den Song  erarbeiten.  Es ist ganz schwer zu sagen welche Songs am besten ankommen, es ist so, dass wir bei den neuen Songs noch sehr mit uns beschäftigt sind.

Ich habe ja jetzt live einiges vom neue Album gehört und ich muss sagen: es klingt halt nach Ohrenfeindt. Gibt es aber trotzdem etwas Außergewöhnliches auf dem neuen Album, etwas was man nicht von Ohrenfeindt erwartet?

Chris: Ja gibt es, zum einen gibt es ein/zwei Songs die etwas anders klingen als man es sonst gewöhnt ist. Aber das haben wir ja auf jeder Platte eigentlich.  Das ist immer so, dass ein paar Songs textlich,  als auch vom Klangbild oder Tempo etwas anders unterwegs sind. Das ist uns wichtig, dass man so’n Album links und rechts abrundet.  Und es gibt einen prominenten Gastsänger auf dem Album, der uns einen riesigen Gefallen damit getan hat. Wer es ist erfahrt ihr erst, wenn das Ding draussen ist

Habt Ihr bei dem neuen Album einen inhaltlichen Schwerpunkt gelegt?

Chris: Der thematische Schwerpunkt ist für uns ungewöhnlich: Motorräder und Frauen

Zum Textwriting: ihr habt ja eher sehr deutliche Texte,  aber gibt es für euch dennoch Grenzen? Habt ihr Angst auf den Index zu landen? Was sagt die Familie zu den Texten?

Chris: Wir versuchen ja verzweifelt auf den Index zu kommen, (lacht) wir müssen vielleicht noch etwas schmutziger werden. Ne, wenn ich nen Text schreibe denke ich doch nicht drüber nach. Ich schreib was in mir ist, was raus will und was mit dem Song funktioniert und was als Geschichte funktioniert. Ein großer Teil ist ja auch authentisch oder halbauthentisch.
Was den Index angeht, haben wir eine Email von einem öffentlich rechtlichen Sender bekommen, dass sie keinen einzigen unser veröffentlichten Songs spielen können, weil in einem Satz das Wort „Scheiss“ vorkommt. Flash: das wusste ich gar nicht! Pfui Deibel! Chris: das lustige ist, in diesem Zweizeiler waren 17 Rechtschreibfehler! Ok, vielleicht wollen wir da auch gar nicht spielen.

Spielt Ihr lieber in kleineren Clubs oder eher die richtig großen Festivals?

Dennis: das hat beides seinen Reiz! Kleine Clubs sind toll, weil man nahe dran ist an den Leuten. Und große Festivals, wo viele tausend Menschen sind, ist auch klasse. Ist beides cool

Was war euer tollster Gänsehaut-Moment als Musiker?

Flash: letztes Jahr in Erfurt mit In Extremo spielen! Das war geil auf 10.000 Leute zu blicken. Dennis: das stimmt! (Ohrenfeindt-Zensur: Geschichte mit Groupies und Tieren!)

Chris: normal kommen zwischen 300 und 800 Leute und dann stehst du da auf ner 40 Meter Bühne in Erfurt und da stehen dann 10000 und rocken und feiern dich. Wenn eine Band wie wir vor In Extremo spielt, dann überlegt man sich „passt das eigentlich?“ Das ist ja eine ganz andere Spielart der Rockmusik, sowohl optisch, die Menge auf der Bühne, als auch den Sound den du fährst. Sie haben uns auch eingeladen auf Tour zu gehen, was wir auch machen, weil mit der Zeit eine schöne Freundschaft entstanden ist. Da fragst du dich was wird passieren, du gehst da raus, da stehen 10000 Leute, die eigentlich da sind, da sie Schalmeien, Dudelsäcke und Drehleiern hören wollen und eine Pyroshow sehen wollen und weil sie ne ganz andere Band sehen wollen. Und du gehörst halt so zur Deko auf dem Teller, aber du bist nicht das Stück Fleisch! Aber wir sind da rausgegangen und 10000 Leute haben uns gefeiert, vom ersten Augenblick an. Da stehste dann und wow, ja, geil!

Was nervt euch neben meinen dummen Fragen am meisten? Dauernd mit AC/DC verglichen zu werden?

Chris & Dennis gemeinsam: das nervt ja nicht, das ist ein Kompliment!
Chris: wenn man dich mit deinen größten Helden vergleicht, ein größeres Kompliment gibt’s ja gar nicht. Vielleicht fehlt es einem, dass die Leute irgendwann einmal merken, dass man nicht nur bei AC/DC geklaut hat. Wir klauen auch woanders!
Solange die Leute uns rocken und feiern wie heute, gibt’s eigentlich nichts zu meckern. Natürlich da fährst unglaublich viele Kilometer in ner Blechdose, du schläfst nicht zu Hause sondern in irgend nem Hotel, das ist mal besser mal schlechter, das Catering ist nicht immer so gut wie im Colos-Saal und manchmal haste es auch mit Leuten zu tun, die dir auf den Wecken gehen, weil sie dich blockieren in dem was du tust. Auf der anderen Seite haben die auch ihre Gründe, ihren Job machen müssen usw., dann kann man damit gut umgehen.
Wir leben unseren Traum, wir haben nicht wirklich was zu meckern!

Wie wichtig ist euch eure Beziehung zu St. Pauli, was macht sie aus?

Chris: Wir leben da, wir arbeiten da.  St. Pauli ist wie ein kleines Dorf in einer großen Stadt, man kennt sich. Die Leute die auf St. Pauli leben sind sehr speziell, da ist halt alles geraderaus, da ist nicht viel Geschleime. Dazu gibt es den Fußballverein den wir lieben. Ich finde es  auch gut wenn Altona 93 gewinnt, wenn der HSV gewinnt, nur nicht gegen St. Pauli.

Ab wann ist ein Album für euch ein Erfolg… was erhofft ihr euch für die Zukunft?

Chris: Der Stellenwert ist heute ein ganz anderer als früher, heute machst du ein Album um die Grundlage zu haben auf Tour zu gehen, du lebst aber vom Tourgeschäft. Ein Tonträger braucht in unserer Liga 2,3, 5 Jahre bis er sich amortisiert hat. D.h. die erste Erfolgsschwelle ist: die Knete ist wieder drin! Die zweite ist wenn deine Fans mehrheitlich sagen „goil“!

Papa-Mike

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