Livebericht zum Amphi-Festival 21.07.2012 – 22.07.2012, Tanzbrunnen, Köln

Schon zum unglaublichen achten Mal öffnete der Kölner Tanzbrunnen am Wochenende des 21. und 22. Julis seine Tore, um mit über 16.000 Anhängern der Schwarzen Szene das Amphi-Festival zu zelebrieren. Wie auch in den Vorjahren war das Event bereits Wochen vor Beginn ausverkauft. Und das, obwohl die diesjährige Festivalsaison eher mit bescheidenem Wetter glänzte. Dieses jedoch konnte die Vorfreude auf das zweitägige Event nicht schmälern, da die Hauptbühne am Tanzbrunnen überdacht ist und auch die beiden weiteren Bühnen trocken gelegen sind, denn diese befinden sich in den an den Tanzbrunnen angrenzenden Gebäuden, dem Staatenhaus und dem Theater.


Als der große Tag des Festivalbeginns endlich gekommen war, gab es eine riesige Überraschung für die Festivalbesucher: Die Sonne schien! Und das zwei Tage lang! Eine wahrliche Besonderheit in diesem Sommer. Somit konnten auch innerhalb kürzester Zeit bei zahlreichen Anwesenden rötliche Hautverfärbungen gesichtet werden, die in einem interessanten Kontrast zu den schwarzen Outfits standen. Aber mit so einem Wetter konnte ja auch wirklich niemand rechnen. Der Stimmung auf dem Gelände kam der Sonnenschein jedoch sehr entgegen und somit stand einem ausgelassenen Festival-Wochenende nichts mehr im Wege.

Trotz alle dem war die Stimmung im Staatenhaus, als Tyske Ludder die Bühne enterten, zunächst noch recht verhalten. Dies konnte aber ohne Weiteres der frühen Uhrzeit geschuldet werden, denn 13:25 Uhr ist nicht unbedingt eine Zeit, zu der die Massen schon besonders tanzfreudig sind. Dennoch zog das Trio alle Register, um mit ihren heißen Elektroklängen das noch relativ überschaubare Publikum mitzureißen. Sänger Claus Albers legte dabei, trotz der frühen Stunde, einen energiegeladenen Auftritt hin, fegte unaufhaltsam über die Bühne und lieferte der Menge damit ein gutes Vorbild. Bei einigen Songs bekam dieser sogar Verstärkung von Drummer Ralf Homann, der den Frontmann nicht nur gesanglich unterstützte sondern ebenfalls kaum stillzustehen vermochte und das Publikum immer wieder zum Mitklatschen animierte. Die Show der Elektro-Freaks wurde dabei eindrücklich von Leinwandprojektionen untermalt, die sämtliche dargebotene Tracks perfekt in Szene setzten. Ein besonderes Highlight der Show jedoch stellte der Gastauftritt von Jay Smith dar, welcher Tyske Ludder bei „For Their Glory“ stimmgewaltig unterstützte und dabei auf gute Resonanzen im Publikum stieß. Nachdem Frontmann Claus Albers die Menge schließlich aufforderte, ihn „auf eine Reise mit dem Kettenfahrzeug“ zu begleiten und daraufhin „Panzer“ anstimmte, steigerte sich die Stimmung in der Menge beachtlich, sodass der größte Teil der Anwesenden im Staatenhaus nicht mehr in der Lage war, seine Beine stillzuhalten. Somit konnten Tykse Ludder ihr Set erfolgreich mit einer ausgelassenen Stimmung beenden.

 

Nach einer kurzen Umbaupause ging es im Staatenhaus weiter mit den elektronischen Aggrotechklängen von [X]-RX. Geziert wurde die Bühne von einer Leinwand, auf der in großen Buchstaben der Bandname der Künstler aufleuchtete und der bereits vor Beginn des Sets alle Augen auf sich zog. Auch die Show des Duos strotzte nur so vor Power, da die Musiker permanent in Bewegung waren und keine Sekunde stillstanden. Auch der Kontakt zum Publikum wurde besonders groß geschrieben und somit konnte sich niemand vor der Bühne den dargebotenen Stücken „Activate The Machinez“, oder „Hit The Drums“ entziehen. Die beiden Künstler stachelten die Menge immer wieder an, alles zu geben, mitzuklatschen und mitzusingen, wodurch die Stimmung im Staatenhaus innerhalb kürzester Zeit dem Siedepunkt entgegen kochte, und das, obwohl es immer noch recht früh am Tag war. Auch eine kleine technische Panne bei „Kein Herz“, die dafür sorgte, dass die Rechner von [X]-RX vorübergehend keinen Ton mehr von sich gaben, konnte die Freude nicht trüben. Dem Duo gelang es zudem, das Problem geschickt zu meistern, indem es die Menge aufforderte, Krach zu machen, womit die plötzlich eintretende Stille einfach übertönt wurde. Zur Erleichterung aller Anwesenden konnte die Panne aber schnell überwunden und die Show energiegeladen weitergeführt werden. Wie kurz 40 Minuten sein können, wurde plötzlich offensichtlich, als Pascal „Cyrex“ Beniesch verkündete, dass das Duo lediglich noch einen Song hätte, den es präsentieren könne. Für diesen jedoch benötigten [X]-RX die Unterstützung des Publikums, welches auf Englisch bis drei zählen musste. Dieses kam der Aufforderung äußerst stimmgewaltig nach und half den Musikern somit, „Stage 2“ zu einem grandiosen Abschlusstrack zu verwandeln.

 

Gänzlich andersartige Klänge erfüllten nachmittags ab 16:10 Uhr die Mainstage, als Corvus Corax sich anschickten, der Menge mit ihrem Mittelalterrock richtig einzuheizen. Dabei bot das Septett eine sehr abwechslungsreiche Show, in der das unglaubliche Repertoire mittelalterlicher Instrumente, die diese Barden beherrschten, vollauf zur Geltung kam. Trotz der Darbietung recht mitreißender Songs, zu denen nicht zuletzt auch ein altirisches Tanzlied zählte, blieb die Stimmung der Menge jedoch recht verhalten. Dabei war nicht auszuschließen, dass die Musiker zunächst selbst ein wenig zu dieser Situation beitrugen, da sie nicht allzu viel Körpereinsatz zeigten und ihre Darbietung, wenn diese auch musikalisch äußerst interessant geriet, showtechnisch eher unspektakulär bis langweilig wirkte. Nachdem Sänger Castus verkündete „Wir brauchen nur drei Dinge zum leben: Venus, Vina, Musica“, und das gleichnamige Stück angestimmt wurde, welches mit schnelleren Takten begeisterte, konnte sich die Stimmung etwas aufhellen. Diese Entwicklung war vor allem dem Anschein geschuldet, dass bei der Band offensichtlich ein Knoten geplatzt war, woraufhin die Musiker endlich begannen, selbst über die Bühne zu tanzen. Diese Veränderung färbte dann auch recht schnell auf das Publikum ab, das nun zunehmend Gefallen an den Darbietungen von Corvus Corax fand. Als schließlich „eines der ältesten Sauflieder der Welt“, bei dem es sich um „In Taberna“ handelte, angestimmt wurde, gab es dann kaum noch ein Halten für alle Beteiligten. Zum krönenden Abschluss musste auch die Menge vor der Bühne eine anspruchsvolle Leistung erbringen: Corvus Corax verlangten von den Anwesenden, den Text ihres letzten Songs „Sverker“ lauthals mitzusingen. Dabei stellte die Sprache dieses Liedes ein gewisses Problem dar – Altdänisch beherrscht halt nicht jeder. Dennoch machte das Publikum einen bemühten Eindruck und versuchte, die ihm vorgesungen Zeilen möglichst einwandfrei nachzusingen, was sogar recht beeindruckend gelang. Somit schafften es die sieben Mittelalterbarden, innerhalb einer Spielzeit von einer knappen Stunde, die Herzen ihrer Zuhörer zu erobern. Und das, obwohl die Ansagen von Sänger Castus leider ziemlich steif und wenig spontan wirkten.

 

Einer ganz besonderen Darbietung konnte man am frühen Samstag Abend im Theater beiwohnen. Dort präsentierte Oswald Henke Stücke von Goethes Erben sowie aus seinem eigenen Soloprogramm. Die Bühne war speziell zu diesem Anlass mit unzähligen (elektrischen) Kerzen dekoriert, die eine sehr romantische Atmosphäre schufen. Diese bildete den perfekten Rahmen für die sehr geschmackvoll inszenierten musikalischen Darbietungen. Henke bewies in dieser Show seine unglaublichen Qualitäten als Entertainer und Inszenator, sodass jeder der präsentierten Songs auf ganz eigene Art in Szene gesetzt wurde. So stand zum Beispiel bei „Abseits des Lichts“ eine Balletttänzerin in weißem Kleid, die Henke später als Lisa Morgenstern vorstellte, und die eine einmalig intensive Darbietung gab, im Zentrum der Aufmerksamkeit. Und auch „Iphigenie“ inszenierte diese talentierte Tänzerin unglaublich emotional. Das Einzige, was während dieser Show nicht so ganz mitspielen wollte, war ein Teil der Kerzendekoration, der immer wieder umkippte. Somit war es dann auch gut, als der gesamte Bühnenschmuck schließlich weggeräumt wurde. Besonderen Einsatz zeigte Henke bei „Kopfstimme“, indem er zu den Klängen dieses Songs Blätter aus einem auf der Bühne liegenden Ordner riss und diese aß. Ein ganz besonderes Highlight jedoch stellte der Gastauftritt von Sonja Kraushofer, Sängerin von L’Âme Immortelle, dar, die zu „Vergessen“ zusammen mit Oswald Henke Papierflieger ins Publikum warf, welche zuvor am gothic-family.net-Stand mit Hilfe vieler Kinderhände gebastelt wurden. Mit dieser Darbietung allein gab sich die österreichische Sängerin jedoch noch nicht zufrieden und performte mit Henke zusammen das im Original von David Bowie stammende Duett „Helden“. Eine besondere Erwähnung fand schließlich noch Violinistin Susanne Reinhardt, welche Oswald Henke gesondert vorstellte, da sie bereits zu Goethes Erben-Zeiten mit dem Musiker auf der Bühne stand. Aber auch die restliche Band wurde dem Publikum bekannt gemacht. Als die Spielzeit verstrichen war, wurde die einmalige Show der Künstler mit Standing-Ovations honoriert – das Theater war beim diesjährigen Amphi-Festival bestuhlt. Als sogar „Zugabe“-Rufe ertönten (eine Seltenheit auf diesem Festival), ließ es sich Henke nicht nehmen, abschließend noch das Stück „Zeitmemory“ zu performen. Da es sich bei dieser Show um den letzten Programmpunkt handelte, bevor das Theater für diesen Tag geschlossen und auf die später stattfindenden Aftershowpartys vorbereitet wurde, stand einer solchen Verlängerung der Spielzeit zur Freude des Publikums auch nichts weiter im Weg.

 

Bereits zum fünften Mal traten Eisbrecher in diesem Jahr beim Amphi-Festival auf. Die große Beliebtheit der Gruppe um Sänger Alexx Wesselsky schlug sich denn auch in einem sehr vollen Platz vor der Mainstage sowie in einer gigantisch guten Stimmung im Publikum nieder, welche der Band bereits beim Opener „Der Hauch des Lebens“ entgegenschlug. Der Frontmann zeigte sich von diesem großartigen Empfang sehr erfreut und belohnte die Menge mit einer mitreißenden Darbietung von „Willkommen im Nichts“. Um die Atmosphäre im Publikum einfangen zu können, führte Alexx die „Publikums-Kamera“ ein. Hierzu drückte er einer Frau aus den ersten Reihen einen kleinen Camcorder in die Hand und forderte diese dazu auf, das Publikum zu filmen. Eine besondere Würdigung erfuhr darüber hinaus das große Engagement von Gitarrist Jürgen Plangger, der bereits früher am Tag als Sänger der Band A Life Divided auf der Bühne stand. Wer Eisbrecher schon häufiger live gesehen hat, weiß, dass die Band einige Show-Nummern regelmäßig aufführt. So auch in diesem Jahr: Zu „Amok“ kamen die obligatorischen Fässer zum Einsatz, auf denen die gesamte Band eine beeindruckende Trommelnummer darbot. Einen ganz besonderen Charme jedoch entfalten die Auftritte von Eisbrecher durch den Humor von Alexx. Ganz in seiner gewohnt schelmischen Art bedankte sich der Frontmann bei seiner Crew, indem er betonte, dass man ohne diese nichts sei: „Die Leute denken auch, ich hätte Ahnung von Autos!“, spielte der Sänger mit einem verschmitzten Grinsen auf seine TV-Sendung „Der Checker“ an. Aber auch das Publikum kommt bei Eisbrecher-Konzerten auf keinen Fall zu kurz, wie spätestens zu „Heilig“ klar wurde, als eine Flasche Schnaps in die Menge gereicht wurde. Eine Anekdote, die der glatzköpfige Sänger zum Besten gab, ließ zudem erahnen, dass die Besucher des Amphi-Festivals in einiger Hinsicht toleranter zu sein schienen, als die des Leipziger WGTs. Dort hatten Eisbrecher in diesem Jahr ebenfalls aufgespielt und eine kleine Jodeleinlage zum Besten gegeben. Diese wurde in einem Sozialen Netzwerk mit Unverständnis kommentiert. Dem konnte Alexx nur hinzufügen, dass man die Truppe einfach nehmen müsse, wie sie sei – woraufhin eine erneute Jodeleinlage zu „This Is Deutsch“ folgte, die bei dem Amphi-Publikum auf Begeisterung stieß. Den Höhepunkt der Show bildete jedoch, wie seit jeher der Song „Miststück“, bei welchem die Menge zum exzessiven Mitsingen aufgefordert wurde. Dies geschah vor allem, indem Alexx die Bühne verließ und einzelnen Leuten in der Masse das Mikro direkt unter die Nase hielt. Mit „Die Hölle kann warten“, welches durch Flammenfontainen untermalt wurde, verabschiedeten sich Eisbrecher schließlich von ihren Anhängern und verteilten zum Abschied Plüscheisbären an das Publikum.

 

Setlist:

01) Der Hauch des Lebens
02) Willkommen im Nichts
03) Verrückt
04) Leider
05) Herz aus Eis
06) Amok
07) Prototyp
08) Schwarze Witwe
09) Vergissmeinnicht
10) Heilig
11) This Is Deutsch
12) Miststück
13) Die Hölle muss warten

 

Als Headliner am Samstag Abend spielte mit The Sisters Of Mercy eine Legende der Gothic-Szene auf der Mainstage am Tanzbrunnen. Ihrem Ruf entsprechend waren die Erwartungen an den Auftritt des Quartetts sehr groß, sodass der Platz vor der Bühne gerappelt voll war, als die Briten um 20:35 Uhr ihre Show begannen. Wer jedoch eine mitreißende Darbietung erwartet hatte, wurde schnell enttäuscht. Die Band lieferte eine eher dezente Show ab, die sich in erster Linie durch derart viel Nebel auszeichnete, dass man die Bühne kaum hätte sehen können, wenn nicht ab und an ein Windstoß die Schwaden zur Seite geweht hätte. Und auch die Präsenz der Musiker wusste nicht zu überzeugen. Sänger Andrew Eldritch schritt hin und wieder ein wenig über die Bühne, während Gitarrist Ben Christo immerhin ein wenig headbangte. Das war aber auch schon alles, was auf der Mainstage geschah und auch auf Ansagen wurde größtenteils verzichtet. Die erste von wenigen sehr kurzen Ansprachen wurde dann auch erst nach geschlagenen 30 Minuten an die Zuhörer gerichtet. In den vorderen Reihen des Publikums herrschte zwar dennoch eine gute Stimmung, aber bis in die hintere Hälfte der Menge reichte diese nicht. Dort herrschte wohl eher das Interesse daran, eine Legende live zu erleben, als wahre Begeisterung. Auch Hits wie „First and last and always“, oder „Mother Russia“ konnten daran nicht allzu viel ändern. Für ein wenig Abwechslung in der ansonsten recht eintönigen Show sorgte „This Corrosion“, welches von einer Gastsängerin am Piano vorgetragen wurde. Obwohl sich der Auftritt von The Sisters Of Mercy nicht gerade durch Interaktion mit dem Publikum und große Showeinlagen auszeichnete, konnte an der musikalischen Darbietung nur wenig kritisiert werden. Somit wurden dann auch „Zugabe“-Forderungen laut, als die Band die Bühne verließ, denen mit „The Temple Of Love“ entsprochen wurde. Im Anschluss an den Gig der großen The Sisters Of Mercy blieb jedoch ein fahler Nachgeschmack zurück: Auch Legenden dürfen sich auf der Bühne ein wenig Mühe geben, ihrem Publikum eine angemessene Show zu bieten. Schließlich verdanken sie diesem ihren Status. Viele kleinere Bands haben dies immerhin verinnerlicht und berücksichtigen dies bei ihren Auftritten. Der Legendenstatus sollte eigentlich nicht von dieser Verpflichtung frei sprechen.

 

Für diejenigen unter den Besuchern, denen einmal nicht der Kopf nach Konzerten stand, gab es auf dem Amphi-Festival noch so einige andere Dinge zu erleben. Zu diesen zählte zunächst einmal die ausladende Shopping-Meile, die zu solchen Events einfach dazugehört. Darüber hinaus konnte man im Festival-eigenen Beachclub mit Sandstrand entspannen oder sich im Amphi Café für die nächste Runde stärken. Viele der auftretenden Künstler gaben zudem noch Autogrammstunden, sodass für das Fanherz wirklich alles geboten wurde, was es sich wünschen konnte. Zudem gab es ab dem frühen Abend im Theater jeweils zahlreiche Aftershowpartys, die bis spät in die Nacht hinein andauerte und zu denen verschiedene Künstler aus der Szene Platten auflegten. So zum Beispiel DJ Honey von Welle: Erdball, DJ Andy K von Melotron oder DJ Elvis aus dem Luxor in Köln.

 

Ein für die frühe Stunde gigantischer Andrang herrschte am Sonntag Mittag vor der Mainstage, als sich Solar Fake um 12:50 Uhr anschickten, dem Publikum mir ihren Elektroklängen ordentlich einzuheizen. Frontmann Sven Friedrich zeigte sich sehr beeindruckt von den positiven Reaktionen, die Stücke wie „No Apologies“ bei der Menge auslösten. Wie immer äußerst gut gelaunt präsentierte er im weiteren Verlauf des Sets „Here I Stand“, das „frische Stück“ „Parasites“ und so einige weitere Klangperlen der Marke Solar Fake. Trotz der frühen Stunde wirkte der Sänger sehr fit und wusste quasi im Alleingang die gesamte Mainstage auszufüllen, während Keyboarder Frank eher unauffällig im Hintergrund blieb. Dass eine solche schweißtreibende Show ihren Tribut verlangte, war im Grunde nicht überraschend und so legte Sven Friedrich recht schnell seine schwarze Jacke ab, unter der er ein weißes Hemd trug, das infolge seiner Anstrengungen mit der Zeit ein wenig durchsichtig wurde – ganz zur Freude der weiblichen Anwesenden. Soviel Einsatz blieb natürlich nicht unhonoriert, was ein Blick auf das Händemeer zeigte, das sich vor der Bühne erhob, mitklatschte und den Spaß des Publikums an der Show bekundete. Im Gegensatz zu manch anderen Bands zeigte Sven Friedrich zudem die sehr angenehme Gewohnheit, fast jeden Song anzumoderieren und somit in engen Kontakt mit seinen Anhängern zu treten. In diesem Rahmen erklärte er auch, dass das Duo ein Stück präsentieren wollte, welches komplett neu war und erst zweimal live gespielt wurde, „allerdings noch nie vor so vielen Leuten, oje!“ Das folgende „Reset To Default“ fand jedoch großen Anklang beim Publikum, sodass die Sorgen des Frontmannes vollkommen unbegründet waren. Die Spielzeit von Solar Fake verging sehr schnell und somit musste das Duo mit „The Rising Doubt“ ihr Set bereits nach gerade mal 40 Minuten beenden.

 

Setlist:

01)  Under The Skies
02)  No Apologies
03)  Here I Stand
04)  Parasites
05)  More Than This
06)  Reset To Default
07)  Where Are You
08)  The Rising Doubt
Für Abwechslung zum Konzertmarathon auf der Mainstage und der Bühne im Staatenhaus sorgte das Programm im Theater. Das dort stattfindende Rahmenprogramm zeichnete sich mit DVD-Vorführungen und Lesungen von Oswald Henke und Ecki Stieg aus. Aber auch musikalische Darbietungen, die sich jedoch von den Konzerten auf den anderen Bühnen durch ihren Cabaret-Charakter unterschieden, gab es dort zu genießen. Ein besonderes Highlight aber stellte der Vortrag von Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke dar, welcher aufgrund eines wahnsinnigen Andrangs in der Vergangenheit direkt für beide Tage angesetzt wurde und der für ein brechend volles Theater sorgte. Benecke schilderte in seiner Präsentation einen Mordfall, der sich vor zehn Jahren ereignete und den er und sein Team nun wieder neu unter die Lupe genommen haben. Die sehr humorvolle Art Beneckes fesselte die Anwesenden von der ersten Minute an, welche somit auf spannende Weise Einblicke  in  Arbeit von Kriminalbiologen erhielten und zahlreiche Erkenntnisse über Spurensicherung und vieles mehr erlangen konnten.

 

Ebenfalls großer Andrang herrschte bei Mono Inc. vor der Mainstage und schon, als das Quartett mit „This Is The Day“ loslegte, war die Stimmung äußerst gut. Nichtsdestotrotz ließ sich Sänger Martin Engler nicht davon abbringen, das Publikum beständig weiter zu animieren und anzustacheln. Die Show der Gothic-Rocker erwies sich als sehr energiegeladen und mitreißend, was man von Mono Inc. allerdings inzwischen auch nicht mehr anders erwartet. Bei „After The War“ sorgten kleine Flammenfontainen für einen besonderen Hingucker, bevor das Stück „Comedown“ den schönen Frauen im Publikum gewidmet wurde. Ähnlich wie zuvor Sven Friedrich von Solar Fake richtete Martin Engler nach fast jedem Stück eine Ansage an seine Anhänger und erwies sich generell als guter Entertainer, der genau wusste, wie man ein Publikum zum Kochen bringt. Ein besonderer Hinweis erging denn auch an alle diejenigen, die Mono Inc. auch zuhause und nicht nur auf Festivals hören wollten: Seit dem Amphi-Wochenende steht die neue Single „Arabia“ im Internet zum kostenlosen Download bereit. Und damit die Anwesenden auch genau wussten, worum es ging, wurde dieser Song, direkt präsentiert. Um ein wenig Lagerfeuerstimmung auf die Bühne zu bringen, griff Engler schließlich für „The Passenger“ zu einer Akustikgitarre. Nachdem er diese einmal angeschlagen hatte, erklärte er dem (verwunderten?) Publikum mit einem verschmitzten Grinsen: „Ein Störgeräusch für eure Gehörgänge. Das ist eine Akustikgitarre!“ Die auf diese Weise um eine Information schlauer gewordene Menge ließ sich daraufhin dazu hinreißen, den nun erklingenden Song mitzusingen, als Englers Spiel plötzlich leiser wurde. Dem verduzten Publikum erklärte er, dass er sein Spiel lediglich dem dargebotenen Gesang anpassen würde. Daraufhin steigerte sich die Lautstärke der Menge sofort um ein Vielfaches, sodass Drummerin Katha Mia bedenkenlos die Bühne mit einem Camcorder betreten und das Publikum für Mono Inc.-TV filmen konnte, welches im Internet angeschaut werden kann. Als die Aufnahmen im Kasten waren, ging es weiter mit einem kleinen Drumsolo Katha Mias, bei welchem diese das Publikum ebenfalls ordentlich anheizte. Danach wurde es wieder Zeit, mit der gesamten Band zu „Revenges“ abzurocken, wozu Martin Engler zahlreiche Laola-Wellen im Publikum startete. Und obwohl die Stimmung nach all diesen Showeinlagen wahnsinnig gut war, mussten Mono Inc. die Bühne bereits nach „Get Some Sleep“, welches nochmals mit Pyroeffekten glänzte, verlassen.

 

Setlist:

01)  This Is The Day
02)  Temple Of Torn
03)  After The War
04)  Comedown
05)  Viva Hades
06)  Arabia
07)  The Passenger
08)  Drumsolo
09)  Revenges
10)  Voices Of Doom
11)  Get Some Sleep

 

Nach den rockigen Klängen von Mono Inc. übernahmen mit Blutengel wieder elektronische Sounds die Mainstage. Das Trio um Frontmann Chris Pohl bewies gleich zu Beginn mit „Children Of The Night“, dass es bei ihrer Show einiges zu sehen geben würde, denn die Bühne wurde von zwei Tänzerinnen gesäumt, die Blutengel-Fahnen in die Menge hielten. Darüber hinaus wurde die Rückwand der Mainstage mit einer Leinwand geschmückt, auf der verschiedenste Projektionen zu bewundern waren. Zu „Soul Of Ice“ legten die Tänzerinnen zudem, in weite silberne Gewänder gehüllt, einen ausdrucksstarken Tanz hin. Darüber hinaus wurden dem Publikum noch strippende Nonnen und Vieles mehr präsentiert. Woran allerdings gespart wurde, war die Bühnenpräsenz der eigentlichen Musiker. Diese wirkten sehr steif und emotional nicht beteiligt, was leider auch für die musikalische Darbietung an sich galt. Sämtliche Stücke wurden emotionslos vorgetragen und konnten die Menge irgendwie nicht so richtig mitreißen. Fast wirkte es so, als wollten Blutengel ihre persönlichen Defizite mit der abwechslungsreichen und ausladenden Bühnenshow kompensieren. Hingegen wäre es vielleicht besser, zunächst einmal die Notenständer, die alle drei Bandmitglieder vor sich stehen hatten, durch entsprechende Textsicherheit zu ersetzen und auf diese Weise der Steifheit entgegenzuarbeiten. Wer jedoch eine abwechslungsreiche Bühnenshow betrachten möchte und weniger Wert auf authentische musikalische Darbietungen legt, ist bei Blutengel genau richtig.

 

Zu einer bombastischen Show luden Combichrist um 20:00 Uhr im Staatenhaus. Schon mit dem Opener „What The Fuck Is Wrong With You“ richtete die Combo ein regelrechtes Massaker auf der Bühne an. Drummer Joe Letz stürzte sich sofort mit einer Trommel in die Menge, um von dort aus den Takt anzugeben. Zusätzlich zog Sänger Andy LaPlegua, in ein Bärenkostüm gehüllt, die Blicke auf sich. Und auch Drummer Trevor Friedrich erschien als Tiger gewandet. Allerdings wurden diese Outfits bereits nach dem ersten Track abgelegt. Kein Wunder, kostet so ein Combichrist-Auftritt an sich schon Unmengen an Schweiß. Stücke wie „Blut Royal“, „Get Your Body Beat“ oder „Electrohead“ brachten die Halle denn auch zum Beben. Die Truppe auf der Bühne legte eine Power an den Tag, die fast schon nicht mehr normal wirkte. Dies übertrug sich selbstverständlich auch auf das Publikum, welches vollkommen ausgelassen mitklatschte und tanzte und, nachdem LaPlegua dies entsprechend vorgemacht hatte, wie die Wilden auf und ab sprang. Der Track „Fuck That Shit“ wurde auf ausdrucksstarke Weise eingeleitet, indem einfach eine Trommel mit der entsprechenden Aufschrift „Fuck“ in die Höhe gehalten wurde. Einen kleinen Wermutstropfen stellte bei dieser bombastischen Show jedoch der viele Nebel dar, der die Band häufig umhüllte. Dieser machte es leider vor allem für die hinteren Reihen schwer, Einzelheiten der Darbietungen genau zu erkennen. Nichtsdestotrotz übertrug sich die Energie, mit der die Schweden operierten, in vollem Maße auf die Menge. Gegen Ende der Show jedoch leerte sich das Staatenhaus vorzeitig ein wenig. Dies wird aber eher der Tatsache zuzuschreiben gewesen sein, dass die Headliner And One auf der Mainstage ihren Auftritt begonnen hatten, da Combichrist mit ihrer brutalen, energetischen Show die Halle zuvor ordentlich zum Kochen gebracht hatten. Mit „Never Surrender“ beschlossen die Schweden schließlich ihr Set und zum krönenden Abschluss ließ es sich die Combo nicht nehmen, ihr komplettes Equipment ordentlich zu zerlegen.

 

Als Headliner im Staatenhaus spielten Project Pitchfork, und als die Band die Bühne betrat, war die Halle bis zum Anschlag gefüllt. Sänger Peter Spilles gelang es ebenfalls, die Menge in seinen Bann zu schlagen und dafür zu sorgen, dass bis in die hintersten Reihen kaum noch jemand stillstehen konnte. Stücke wie „Existence“ oder „Run For Cover“ wurden nochmals richtig abgefeiert, bevor das Festival sich dem Ende entgegen neigen konnte. Dass aber nicht nur das Publikum seine Freunde an dieser Show hatte, wurde offensichtlich, als Spilles verkündete, dass es eine Ehre sei, auf dem Amphi zu spielen. Dieser Eindruck verfestigte sich im Laufe der 80-minütigen Show, in der die Truppe wirklich alles gab. Als die Aufforderung an die Menge erging, die Hände in die Höhe zu recken, bot sich den Musikern ein überwältigender Anblick. Aber auch die Lightshow wusste zu fesseln. Laser strahlten durch die gesamte Halle und entfachten eine gigantische Wirkung, die die dargebotenen Tracks perfekt untermalte. Auch wenn Project Pitchfork immer wieder betonten, dass sie eine „gute Nacht-Band“ wären, ließen sich keine Anzeichen von Müdigkeit im Publikum erkennen. Im Gegenteil. Als die Spielzeit des Trios sich dem Ende zuneigte, wollte die Menge die Truppe einfach nicht gehen lassen. Somit ließen sich Project Pitchfork davon überzeugen, mit „Souls“ noch einen weiteren Songs zum Besten zu geben. Zuvor jedoch betonte Spilles, dass die Anwesenden sich bewusst sein sollten, dass die Gothic-Szene aus ihnen, den einzelnen Mitgliedern, bestehen würde und nicht aus irgendwelchen Bands. Ein besseres Schlusswort ließ sich für das Amphi-Festival 2012 wohl kaum finden.

 

Rückblickend lässt sich sagen, dass das diesjährige Amphi-Festival mal wieder ein großartiges Event war, das vielen der Besucher noch lange Zeit in positiver Erinnerung bleiben wird. Einzig an der Auswahl der auftretenden Bands könnte man in Zukunft einige Verbesserungen anstreben. Zum einen fällt auf, dass sich das Line-Up von Jahr zu Jahr sehr ähnelt und im Grunde immer die gleichen Bands in schöner Regelmäßigkeit auftreten. Zum anderen lässt sich in den letzten Jahren ein verstärkter Trend hin zu elektronischen Gruppen beobachten. Diese scheinen mehr und mehr eher rock-, metal-, folk-, oder anderweitig orientierte Künstler zu verdrängen, was wirklich schade wäre. Die Szene ist so vielfältig und diese Vielfalt sollte genutzt und ausgeschöpft werden.

Die vollständige Fotogalerie findet ihr => HIER!!!!

Bericht: Kerstin Tschöpe // VU
Fotos: Markus Horne // VU

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3 Kommentare zu “Livebericht zum Amphi-Festival 21.07.2012 – 22.07.2012, Tanzbrunnen, Köln

  1. Pingback: Amphi Festival 2013 – Erste Bands bestätigt / First wave of bands confirmed! « Blog of Visions Underground

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