Nachbericht zum Wave-Gotik-Treffen, Leipzig, 25.05.2012 – 28.05.2012

Nachdem das Wave-Gotik-Treffen im vergangenen Jahr sein 20-jähriges Jubiläum feierte und sich speziell zu diesem denkwürdigen Anlass auf eine Dauer von fünf Tagen ausdehnte, kehrte man in diesem Jahr zu alten Gewohnheiten zurück und veranstaltete das Event an „lediglich“ vier Tagen. Zu diesem Zweck reisten über Pfingsten wieder einmal Tausende schwarz gewandeter Gestalten aus der ganzen Welt nach Leipzig, um auf Gleichgesinnte zu treffen und mit diesen ein Wochenende lang ausgiebig zu feiern, die Darbietungen verschiedenster Künstler, bei denen es sich sowohl um Musiker als auch um Schriftsteller etc. handelte, zu genießen oder auch kulturelle Veranstaltungen zu besuchen, denn kein anderes Festival bietet seinen Besuchern mehr als das Leipziger Event an Pfingsten.

An diesen besonderen Tagen ergießt sich somit regelmäßig eine schwarze Masse über die Innenstadt Leipzigs, was nicht nur allein dem Stattfinden eines solchen Events geschuldet ist, sondern auch in der Ausgestaltung dieses Festivals begründet liegt. Bei vermutlich keinem anderen Event werden so viele Hotels frequentiert, dass bereits Monate vor Beginn keine günstigen Zimmer im gesamten Stadtgebiet mehr zu ergattern sind. Auch wenn auf dem Agra-Gelände (quasi dem Hauptschauplatz des Festivals) ein großer Zeltplatz zur Verfügung steht, bevorzugen viele Anhänger der Schwarzen Szene den Luxus eines Hotelzimmers. Betrachtet man die äußerst pompöse Gewandung vieler Festivalbesucher, ist dieser Umstand auch nicht verwunderlich. Denn schwere Reifröcke, enge Korsetts, aufwendiges Make-Up oder toupierte Haare lassen sich in den beengten Räumlichkeiten eines einfachen Zeltes nur unter großen Umständen anlegen. Darüber hinaus stellt praktisch die gesamte Stadt das Festivalgelände dar, womit das WGT nicht nur auf einen kleinen Platz beschränkt bleibt, sondern sich wahrlich über ganz Leipzig erstreckt.

Annähernd 50 Locations sind in dieses Event involviert. Angefangen von mehreren Leipziger Diskotheken bis hin zu großen Konzerthallen ist alles vertreten.

Ebenso vielfältig wie die Veranstaltungsorte war auch erneut das Rahmenprogramm des WGTs 2012. Es beinhaltete neben unzähligen Konzerten unterschiedlichster Musiker auch Partys, die häufig in den späten Abend- und Nachtstunden stattfanden, wenn das hauptsächliche Programm des Festivals größtenteils beendet war. Darüber hinaus gab es aber noch viel mehr zu erleben als nur Musik und wilde Feierstunden: Zu den für Außenstehende wahrscheinlich am kuriosesten anmutenden Veranstaltungen gehörten auch in diesem Jahr die Szenegottesdienste in der Peters- und der Thomaskirche. Darüber hinaus konnten unterschiedlichste Orte Leipzigs besichtigt werden. Zu diesen gehörten der Südfriedhof der Stadt sowie die verschiedensten Museen. In diesem Jahr wurde zudem eine Ausstellung mit dem Titel „Als der Südfriedhof mein Wohnzimmer war“ organisiert, die die „Gruftie-Szene in der DDR“ zum Inhalt hatte und mit vielen ausgestellten Stasi-Dokumenten den Umgang des damaligen Regimes mit der aufkeimenden Gothic-Kultur darstellte. Sogar der Besuch der Oper sowie verschiedener musikalischer Komödien wurde im Rahmen des Events ermöglicht. Auch mehrere Kinos boten über die Festival-Tage eigens ein spezielles Programm für die WGTarierer. So konnten unter anderem die Filme „Berlin, die Sinfonie der Großstadt“ von 1927, „Dead Man“, „Zombies from outer space“ oder „300“ angeschaut werden. Die Metal-Interessierten unter den Festivalbesuchern wurden zudem sogar mit einem Vortrag zum Thema „Brothers of Metal? – Gender, Ästhetik und Performance im Heavy Metal“ erfreut. Wie in jedem Jahr begeisterte darüber hinaus das Absinthtfrühstück der La Petite Absintherie sowie das der Absintherie Sixtina, schließlich ist für einen langen Festivaltag nichts wichtiger als ein ausgiebiges Frühstück, damit man ordentlich gestärkt durch Leipzig ziehen kann. Des Weiteren bestand die Möglichkeit, von einigen (leider im Vergleich zu der Masse an auftretenden Bands zu wenigen) Künstlern Autogramme zu erwerben oder verschiedenen Lesungen zu lauschen, so zum Beispiel Christian von Asters „Satanshamsters Wiegenlied“. Zudem konnten die mittelalterinteressierten Besucher über den Mittelaltermarkt auf der Moritzbastei schlendern und auch das Heidnische Dorf mit seiner gemütlichen Mittelalteratmosphäre lockte viel Schwarzes Volk. In den späten Abendstunden des Samstags wurde schließlich das alljährlich stattfindende Obsession Bizarre Fetischtreffen abgehalten, bei welchem sich ebenfalls reihenweise interessierte Teilnehmer die Ehre gaben.

Aber nicht nur viel zu erleben gab es auf dem WGT 2012, auch die Möglichkeit, ausgiebig zu shoppen bestand vor allem auf dem Agra-Gelände, auf dem sich eigens eine unglaublich große Halle befand, in der sich duzende Marktstände tummelten, an denen das Gothic-Herz alles erhielt, was es begehrte, angefangen bei einer unglaublichen Auswahl schönster Kleidung über Accessoires, Bücher, CDs bis hin zu Haushaltsgegenständen und vielem mehr.

Mit diesen unglaublichen Dimensionen des Festivals ergab sich natürlich das Problem der Erreichbarkeit der einzelnen Locations. Dieses wurde auch in diesem Jahr wieder dadurch gelöst, dass die Nutzung aller öffentlichen Verkehrsmittel in Leipzig während des WGTs für Personen, die ein Festivalbändchen am Arm trugen, kostenlos war. Somit konnte wieder mal auch die notwendige Mobilität gewährleistet werden.

Aber auch das musikalische Programm war wieder einmal unglaublich vielgestaltig. Die über 200 Musiker, die sich auf dem WGT die Ehre gaben, waren selbstverständlich in den unterschiedlichsten Genres dunkler Klänge beheimatet. So traten an Pfingsten allerlei Künstler aus den Bereichen der Mittelaltermusik neben Bands aus dem Metalbereich auf. Aber auch sämtliche Sparten elektronischer Klänge waren vertreten, angefangen bei Synthie-Pop, bis hin zu harten Industrial-Sounds, sodass auch 2012 wieder für wirklich jeden der ca. 20.000 Besucher etwas dabei war.

Die Ehre, den ersten Festivaltag mit einem starken Auftritt abzuschließen, gebührte Lacuna Coil, die um 22:45 Uhr mit leichter Verspätung die Bühne des Kohlrabizirkus betraten. Schon während des Intros wurde die Szenerie von Unmengen an Nebel eingehüllt, der dem Auftritt der Italiener die passende Atmosphäre bereitete. Beim Opener „I Don’t Believe In Tomorrow“ mussten die beiden Vokalisten Christina Scabbia und Andrea Ferro noch ziemlich mit dem Sound der Mikrofone kämpften, denn ihre Stimmen waren zunächst kaum zu vernehmen. Allerdings ließ sich das Duo davon nicht irritieren und lieferte von der ersten Sekunde an eine energiegeladene Show mit beeindruckenden Duetten und auch das technische Problem konnte zum Glück sehr schnell behoben werden. Dennoch blieb die Stimmung des Publikums zunächst ziemlich verhalten. Davon wenig irritiert, erläuterte Sänger Andrea, dass Lacuna Coil in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal beim WGT spielen würden. Mit „Kill The Light“ wurde ein weiterer Song von dem aktuellen Album „Dark Adrenaline“ präsentiert, bei dem es zu Beginn erneut ein paar technische Probleme gab, die jedoch ebenfalls schnell behoben werden konnten. Aber auch ältere Stücke gaben die Italiener zum Besten. So unter anderem ihren Hit „Heaven’s A Lie“ vom 2002er-Ablum Comalies, das mit den Worten „The next song is about freedem of mind“ angekündigt wurde. Bei diesem Stück bekam das Publikum viel Gelegenheit, selbst zu singen, woraufhin sich die Stimmung in der Halle so langsam hob. Mit „Entwine“ wurde ein weiteres älteres Stück aus Comalies-Zeiten präsentiert, bevor die Band mit „Give Me Something More“ zu neuem Song-Material zurückfand. Am Ende dieses Tracks wurde die gesamte Band schließlich regelrecht vom Nebel, der die Bühne erneut dick einhüllte, verschluckt. Zu „Our Truth“ forderten die Italiener das Publikum zum Springen und Klatschen auf, das dieser Bitte sehr gerne nachkam. Inzwischen hatte sich die Stimmung in der Halle ziemlich aufgeheizt, was nicht zuletzt der kontinuierlichen Temposteigerung im Set der Band sowie deren beständiger Kommunikation mit dem Publikum zu verdanken war. Bei „To The Edge“ gab es zudem ein beeindruckendes Synchron-Headbanging auf der Bühne zu bestaunen. Generell befand sich die gesamte Band, allen voran natürlich Christina Scabbia und Andrea Ferro, vor purer Spielfreude strotzend, in permanenter Bewegung. Damit auch das Publikum was zu tun hatte, kündigte der Frontmann schließlich an, dass er beabsichtigte, am Ende des folgenden Songs bis vier zu zählen, woraufhin die Menge im Takte mitspringen solle. Auf diese Worte folgte „Fragile“, bei dem sich das Publikum nach dieser Aufforderung in eine gigantische, auf und nieder wogende Masse verwandelte. Als das Sextett schließlich von der Bühne verschwand, ertönten unmittelbar laute Zugabe-Rufe. Dennoch ließen die Italiener sich recht lange bitten, bis sie nochmals zu den Klängen von „Swamped“ zurückkehrten. Mit den Worten „Thank you very much! Danke schön!“ bedankten sich Lacuna Coil schließlich für die großartige Unterstützung des Publikums und verwiesen dieses darauf, dass eine Headliner-Tour für November und Dezember geplant sei. Nach dem folgenden „Trip the Darkness“ wurde es dann endgültig Zeit, sich zu verabschieden. Dies erfolgte mit einem Song, den die Band Peter Steele, dem 2010 verstorbenen Sänger der Band Type O Negative, widmete. Nach einer sehr bewegenden Ansprache von Christina Scabbia, spielten Lacuna Coil „My Spirit“, bei welchem die gesamte Band tief versunken und geschlossen in einer Reihe auf der Bühne stand, in grünes Licht gehüllt, der Farbe, welche unweigerlich mit Type O Negative verbunden ist. Nachdem dieser Song verklungen war, verließ die Band die Halle nach einem sehr starken Auftritt, der leider ein wenig durch den sehr schlechten Sound im Kohlrabizirkus überschattet wurde. Durch die Kuppelhalle dieses Gebäudes nämlich entstanden während des gesamten Auftritts Echos, die den Hörgenuss leider schmälerten. Dennoch konnte nicht geleugnet werden, dass sich die Band durch einen erstaunlich druckvollen Live-Sound auszeichnete, den sie leider auf Platte nicht erreicht. Wer Lacuna Coil einmal live gesehen hat, dem wird es somit hinterher schwer fallen, sich mit dem Studiosound der Italiener zufrieden zu geben.

 

Setlist:
01)  I Don’t Believe In Tomorrow
02)  I Won’t Tell You
03)  Kill The Light
04)  Heaven’s A Lie
05)  Entwine
06)  Give Me Something More
07)  Spellbound
08)  Our Truth
09)  Upsidedown
10)  Invisible Light
11)  To The Edge
12)  Fragile

Zugabe:
13)  Swamped
14)  Trip The Darkness
15)  My Spirit

Ordentlich gerockt wurde auch am frühen Abend des Festivalsamstags (oder wie die Leipziger sagen: am Sonnabend), als die Italiener von Dope Stars Inc. zu den Klängen des „Star Wars Imperial March“ die Parkbühne enterten. Passend zu diesem Intro erschien Sänger Victor Love in einem Star Wars Stormtrooper T-Shirt. Vom ersten Moment ihres Erscheinens an fegte das Quintett mit harten Industrial Metal-Klängen über die Bretter der Open-Air-Location und schickte mit „Theta Titanium“ direkt einen ihrer stimmungsvollsten Songs ins Rennen. Das Publikum verhielt sich zunächst jedoch recht abwarten und betrachtete die Band eher teilnahmslos, woran auch das ebenfalls sehr mitreißende „Vyperpunk“, welches unterbrechungsfrei in „Beatcrusher“ überging, nichts ändern konnte. Nichtsdestotrotz stellt Victor Love gut gelaunt seine Band als Dope Stars Incorporated vor und erklärte, dass es schön sei, wieder auf dem WGT zu spielen, schließlich lagen die letzten Auftritte der Italiener auf dem Leipziger Festival schon fünf bzw. sechs Jahre zurück. Neben dem Publikum wirkte auch Bassist Darin Yevonde während der gesamten Show ein wenig teilnahmslos, bemühte sich aber dennoch auf seine Art, das Publikum zu animieren, indem er häufiger sein Instrument hochhielt, auf dessen Rückseite mit schwarzem Klebeband „C’MON“ aufgeklebt war. Diese Aktion jedenfalls brachte das Publikum, welches mit der Zeit und Songgranaten wie „Bang Your Head“ oder „Digital Warriors“ langsam auftaute, ordentlich zum Klatschen. Aber auch etwas besinnlichere Klänge, die die Italiener mit „Can You Imagine“ anschlugen, fanden bei der Menge Gefallen. Im Großen und Ganzen bewegte sich das Tempo der Show allerdings in höheren Leveln, was Gitarrist Fabrice LaNuit die Gelegenheit gab, wie ein Derwisch über die Bühne zu fegen. Generell stellt er einen permanenten Blickfang dar, da er kaum stillstehen konnte und ohne Unterbrechung abrockte, die Mähne schüttelte und sich auf die Knie schmiss – aufgeschürfte Haut an diesen inklusive. Mit der Aufforderung „Let’s party a little bit more!“ wurde schließlich einer der größten Hits der Italiener – „Make A Star“ – angestimmt, welcher ebenfalls beim Publikum auf Gefallen stieß. Für die ziemlich gute Resonanz, die die Jungs von Dope Stars Inc. inzwischen erzielten, bedankte sich Victor Love schließlich und bestellt dann quasi in einem Atemzug einen Wodka bei Keyboarder Ash Rexy, der die nötigen Zutaten gebunkert hatte und dem Frontmann augenblicklich einen Drink servierte. Leider waren die meisten Ansagen des Sängers recht schwer zu verstehen, da seine englische Aussprache nicht gerade die Deutlichste war. Verständlich jedoch war sein Hinweis darauf, dass das aktuelle Album der Band – „Ultrawired“ – auf der Homepage der Italiener zum kostenlosen und legalen Download bereitstehe und dass jeder der Anwesenden sich dieses Werk runterladen und kopieren oder auf sonstige Weise verbreiten dürfe. Bei „Self Desturctive Corp“ wurde dann wieder ordentlich abgefeiert, und als das Publikum der Band lauthals zujubelte, zeigte Fabrice LaNuit mit erhobenen Daumen und breitem Grinsen, dass er sehr erfreut über diese Reaktionen der Menge war. Leider blieben auch Dope Stars Inc. nicht ganz von technischen Pannen verschont. So musste der Gitarrist den Funksender seiner Gitarre im Laufe der Show gegen ein Kabel eintauschen, das seine Bewegungsfreiheit etwas einschränkte. Davon allerdings wenig beeindruckt, schmiss sich LaNuit hemmungslos vor Victor Loves Füße und kabbelte sich mit diesem. Generell zeichnete sich die gesamte Show durch eine sehr gelungene Songauswahl aus, welche einen ausgewogenen Querschnitt aus Stücken aller vier Alben der Italiener darstellte, sodass es sowohl für die älteren als auch neueren Anhänger der Gruppe viel zum Mitsingen gab. Nach „Run Motherfucker Run“ neigte sich die Spielzeit der Jungs dem Ende entgegen und Victor wies das Publikum darauf hin, dass es, wenn es noch mehr Songs hören wolle, den Bühnenmanager überzeugen müsse, der Band noch ein wenig Spielzeit einzuräumen. Dies gelang der inzwischen sehr euphorischen Menge sehr gut, sodass noch Zeit eingeräumt wurde, „21st Century Slave“ darzubieten. Danach mussten Dope Stars Inc. sich jedoch verabschieden, was sie mit den Worten „You’re the best“ und einer gemeinsamen Verbeugung am äußersten Rand der Bühne, ausgiebig taten.

Der Kohlrabizirkus stand am zweiten Tag des Festivals ganz im Zeichnen dunkler Metalklänge und so hüllten Secrets Of The Moon in diesem Sinne die Halle in ein schwarz-metallisches Soundgewand. Die Show des deutschen Quartetts wirkte durchgängig sehr hypnotisierend und kraftvoll, wodurch die zum großen Teil recht schwerfälligen Songs der Band perfekt in Szene gesetzt wurden. Die düstere Atmosphäre wurde darüber hinaus durch die Lightshow in passender Weise untermalt und betont, sodass die Bühne während diesem einstündigen satanischen Ritual vorwiegend von massiven Nebelschwaden und dunklen, meist einfarbigen Lichteffekten beherrscht wurde, welche Stücke wie „I Maldoror“ oder „Lucifer Speaks“ perfekt zur Geltung brachten. Die Kommunikation der Band mit dem Publikum jedoch war sehr verhalten und auch die Bühnenshow des Quartetts zeichnete sich eher durch wenig Aktion aus. Bassistin LSK headbangte zwar relativ viel, darüber hinaus geschah allerdings kaum mehr, als dass sich Sänger und Gitarrist SG zwischenzeitlich vor seinem Mikrofon auf den Knien niederließ. Diese eher spartanische Show fügte sich zwar perfekt in die Gesamtatmosphäre ein, die Secrets Of The Moon kreierten, jedoch schien der Auftritt beim Publikum auf keine allzu große Resonanz zu stoßen, denn die Halle war, trotz der fortgeschrittenen Stunde – die Band spielte zwischen 21:30 Uhr und 22:30 Uhr – nicht allzu stark bevölkert und auch die Stimmung war nicht gerade die Beste. Lediglich in den ersten Reihen konnten vereinzelt fliegende Haare ausgemacht werden. Weiter hinten in der Halle jedoch machten es sich viele Zuschauer auf dem Boden sitzend gemütlich und erweckten den Eindruck, dass sie mit Secrets Of The Moon eher weniger anfangen konnten und auf den Headliner des Abends warteten. Das Abschließende „Danke schön, Leipzig!“ stellte eines der wenigen Momente dar, in denen die Band eine Kommunikation mit dem Publikum suchte. Als jene Worte gesprochen waren, verließen Secrets Of The Moon jedenfalls einen Kohlrabizirkus, der nach ihrem Auftritt, trotz der sehr kraftvollen, aber recht anstrengenden Show, leider leerer war, als davor.

Als hingegen die Finnen von Amorphis gegen 23:00 Uhr aufspielten, um dem Tag einen würdigen Abschluss zu verleihen, drängte die verbliebene Menschenmenge in der Halle wieder verstärkt nach vorne an die Bühne. Schon recht schnell zeichnete sich ab, dass die Jungs aus dem hohen Norden stärkeren Wert auf Kommunikation mit dem Publikum legten als ihre Vorgänger. Spätestens als sich Sänger Tomi Joutsen bei der Menge für deren Beifall bedankte und den Song „Towards And Against“ ansagte, war klar, dass Amorphis viel daran gelegen war, ihre Anhänger mit in die Show einzubeziehen. So auch, als der Frontmann diese mit „Make some noise“ dazu aufforderte, laut zu sein. Neben vielen weiteren Stücken aus neuerer Zeit wurden aber auch ältere Songs zum Beispiel aus der Elegy- oder der Tales From The Thousand Lakes-Phase berücksichtigt. Somit wurden Stücke wie „Into Hiding“ ordentlich abgefeiert, was das Zeug hielt. Als sich die Scheinwerfer der Bühne zwischenzeitlich auf das Publikum richteten, konnte man schließlich ein Meer aus Händen erblicken, welches den optischen Beweis darstellt, dass die Stimmung im Kohlrabizirkus inzwischen recht hochgekocht war. Dies mag allerdings kaum verwunderlich gewesen sein, ging Tomi Joutsen auf der Bühne doch ordentlich ab und ließ immer wieder seine unglaublich langen Dreadlocks kreisen. Auch das Publikum wurde stets auf’s Neue motiviert, die Show der Finnen anständig abzufeiern. Darüber hinaus stellte der Sänger immer wieder unter Beweis, dass er Talent zum Posen besaß, und ließ sich dafür von seinen Anhängern lautstark bejubeln, wofür er sich selbstverständlich mit den Worten „Thank you very much“ bedankte. „Majestic Beast“ wurde von einer sehr beeindruckenden und abwechslungsreichen Lightshow untermalt, welche eine sehr atmosphärische Stimmung kreierte. Generell legten die Finnen bei ihrem Auftritt Wert auf eine sehr mystische Atmosphäre, was nicht zuletzt auch die Songauswahl mit beeinflusste. Schließlich endete auch die Spielzeit der Headliner gegen Mitternacht. Allerdings ließ das Publikum im Kohlrabizirkus die Jungs von Amorphis nicht ohne Zugabe von dannen ziehen und bewegte die Finnen dazu, nach lediglich wenigen Minuten wieder auf die Bühne zurückzukehren und sich mit weiteren Stücken angemessen zu verabschieden. Die Anwesenden dankten es der Band und feierten sie mit gebührendem Applaus. Somit stellten auch Amorphis (wie bereits Lacuna Coil am Abend zuvor) unter Beweis, dass man sich nicht von einer Halle mit schrecklicher Akustik verängstigen lassen muss, solange man in der Lage ist, dass Publikum auf seine Seite zu ziehen

Wie bereits in den Vorjahren zählte auch in diesem Jahr das Heidnische Dorf wieder zu den großen Highlights des WGTs. Der am Rande Leipzigs gelegene mittelalterliche Markt mit seinen zahlreichen Attraktionen (der auch für Nicht-WGT-Besucher gegen ein entsprechendes Wegegeld betreten werden durfte) strahlte immer wieder auf’s Neue ein romantisches Flair aus und lud die zahlreichen Besucher zum gemütlichen Verweilen sowie zum ausgiebigen Speisen und Trinken ein. Nebenher ließen sich zahlreiche Verkaufsstände mit mittelalterlichen Waren bestaunen und zwei Bühnen boten die Gelegenheit, entspannt den Klängen von zahlreichen Gruppen zu lauschen, die sich wie selbstverständlich in das Ambiente des Heidnischen Dorfes einfügten.

Auf der größeren der beiden Bühnen gaben sich somit am Sonntagabend weit nach Einbruch der Dunkelheit um 23:00 Uhr Odroerir die Ehre, die mit ihren Folk Metal-Klängen innerhalb kürzester Zeit ein großes Publikum versammeln konnten. Die präsentierten Stücke beeindruckten durch eine einzigartige Vielfalt in ihren Arrangements. Nicht nur, dass das Septett sowohl mit moderneren Instrumenten wie elektrischen Gitarren, Bass und Schlagzeug ausgerüstet war, nein, auch Violinen, Cellos, Flöten, Sackpfeifen und Vieles mehr zählten zum Repertoire der Folk Rocker. Aber auch bei dem dargebotenen Liedgut glich kaum ein Stück dem Nächsten. So trumpften Odroerir mit einer abwechslungsreichen Mischung aus folkigen Stücken und bretterharten Metalsongs auf. Sämtliche dargebotene Lieder erfreuten sich bei der Menge einer sehr großen Beliebtheit und überall wo man hinschaute, erblickte man tanzende und headbangende Menschen. Das galt jedoch nicht nur für die Wiese vor der Bühne, sondern auch für die wilde Meute, die die Bretter unsicher machte. Trotz der späten Stunde herrschte wilde Feierlaune und die Musiker schienen sich ordentlich warm gespielt zu haben, da sie in der kühlen Nachtluft selbst mit zum Teil entblößten Oberkörpern nicht zu frieren schienen. Aber bei dem Wahnsinn, dem sie frönten, blieb für Gänsehaut auch keine Zeit. So hätte es bis tief in die Nacht gehen können, aber selbst ein so zeitentrückter Ort wie das Heidnische Dorf unterliegt bestimmten Regeln, die leider besagen, dass auch die besten Gruppen nur eine begrenzte Zeit lang musizieren dürfen. Als diese nun einmal abgelaufen war, galt es für das Publikum, den Verantwortlichen für diese unverantwortliche Regelung davon zu überzeugen, Gnade walten zu lassen und noch eine Zugabe zu erlauben. Welche dies sein sollte, durfte dann auch das Volk vor der Bühne entscheiden, wozu die Musiker drei Stücke zur Auswahl stellten. Die Entscheidung fiel auf „Zur Taverne“ und somit war es auch nicht verwunderlich, dass Odroerir sogar noch genügend Spielzeit für zwei Lieder eingeräumt bekamen, die diese selbstverständlich vollauf zu nutzen und zu füllen wussten.

Und jeder, der an diesem (oder einem weiteren) Abend das Heidnische Dorf besucht hatte, verlies dieses mit der Erkenntnis, dass dieser Ort gerade bei Nacht zu den idyllischsten Flecken der Erde zählt.

Die Ehre, das WGT 2012 als Headliner mit einer fetten Show würdig zu beenden, fiel Agonoize zu, die mit ihren aggressiven Hellectro-Sounds, die große Agra-Halle zum Beben brachten. Schon bei den ersten Klängen ihres Openers „Schaufensterpuppenarsch“ herrschte eine bombastische Stimmung und die ausgelassene Menge tobte. Wer im Vorfeld die Ausdauer und Nervenstärke bewiesen hatte, sich einen Platz in den ersten Reihen zu sichern, wurde für diese Mühe belohnt, denn bei „Blut, Sex, Tod“ spritze ganz viel (Kunst-?) Blut direkt aus den Pulsadern von Sänger Chris L. in einem weiten Bogen mitten unter die tanzende Menge. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde klar, dass es sich bei dieser Show um ein ganz besonders blutrünstiges Vergnügen handeln würde. Und dieser Eindruck wurde im Laufe der folgenden 90 Minuten immer wieder bekräftigt, denn zu „Wahre Liebe“ trugen düstere Wesen in unheimlicher Gewandung einen Leichensack auf die Bühne, an dem sich Chris L. mit aller Sorgfalt zu schaffen machte, indem er das darin liegende Wesen nach allen Regeln der Kunst sezierte und die Organe nacheinander dem Publikum präsentierte. Dieses zollte ihm für seine Leistung lauten Beifall und verdiente sich auf diese Weise ein „Danke, Leipzig!“. Zu „Death Murder Kill“ erschien Chris L. erneut mit einem Messer auf der Bühne, das er aber diesmal im Mund hereintrug. Von dort wanderte es in die Hand des irren Frontmannes, der sich den Griff mehrmals gegen den Kopf schlug, woraufhin er eine fette Platzwunde davontrug. Aber damit nicht genug: Wenige Momente später standen die vordersten Reihen erneut unter einer heftigen Blutdusche, die sich nun aus der Kehle des Sängers ergoss. Wer aber nun der Ansicht unterlag, dass diese Handlung nun das zwangläufige Ende der Show bedeuten müsse, da es sich mit offener Kehle nun mal schlecht singen ließe, wurde mit weiteren Songs wie „Dafür“ eines Besseren belehrt. Einer der Höhepunkte der Show jedoch wurde mit choralen Gesängen, denen sich „Suffer“ anschloss, eingeleitet, zu denen die bereits bekannten Gestalten eine junge Frau an ein kreuzartiges Gestell banden, um dieser Blut abzuzapfen, welches in einen Kelch gefüllt wurde. Dieser wurde von Chis L. geleert, der wahrscheinlich infolge seiner blutrünstigen Show an einem gravierenden Mangel dieser Körperflüssigkeit leiden musste. Als der Blutdurst des Frontmannes gestillt war, wurde die Frau wieder von der Bühne getragen. Zu Zölibat erschien der Sänger in ein Priestergewand gehüllt, was besonders dadurch zu Geltung kam, dass dieser auf einmal in die Höhe gezogen wurde und über der Bühne in der Luft schwebte – selbstverständlich den Song weiterhin auf spannende Weise performend. Bei „Sacrifice“ erhielt erneut das Messer seinen Einsatz, welches wiederum dazu eingesetzt wurde, die Pulsadern des Sängers zu öffnen und das Blut in die Menge spritzen zu lassen. Passend hinterlegt wurden diese Handlungen von einem Bühnenbild, welches den Innenraum einer Kirche darstellte. Als die letzten Töne dieses Songs verklungen waren, erkundigte sich der Sänger beim Publikum, ob dieses noch fit sei. Da die Reaktionen eindeutig positiv ausfielen, legte das Trio mit „Gottlos“, „Bis das Blut Gefriert“ und „Opus Dei“ nochmal ordentlich nach, bevor Agonoize schließlich die Bühne verließen und die Menge somit zu lautstarken Zugabe-Rufen veranlassten. Mit den Worten „Ihr seid großartig“, kehrten die Hellectro-Meister nach kurzer Zeit zurück in die Agra-Halle und verkündeten, dass nun die Gelegenheit bestünde, noch zwei Songs lang „die Sau rauszulassen“. Diese Aufforderung bedurfte keiner Wiederholung, denn das Publikum in der Halle nutzte die Gunst der Stunde, zu den ertönenden Stücken „Staatsfeind“ und „Koprolalie“ nochmals so richtig auszurasten. Wer danach noch genügend Power hatte, wurde von Chris L. abschließend für die „Aftershowparty“, welche später im Darkflower, einer der vielen Diskotheken Leipzigs, stattfand, eingeladen. Als auf der Bühne schließlich die Lichter verloschen waren und sich die Reihen des Publikums lichteten, ließ sich ohne große Schwierigkeiten ausmachen, wer die Show von Agonoize an vorderster Front erlebt hatte, denn diese tapferen Tänzer zeichneten sich dadurch aus, vollkommen in Blut getränkt gewesen zu sein.

 

Setlist:
01) Intro
02) Schaufensterpuppenarsch
03) Bäng Bäng, Goodbye
04) Blut, Sex, Tod
05) Earpain
06) In deinem Grab
07) Wahre Liebe
08) Femme Fatale
09) Death Murder Kill
10) Vollrauschfetischist
11) Dafür
12) Suffer
13) Evil Inside
14) Zölibat
15) Glaubenskrieger
16) Sacrifice
17) Gottlos
18) Opus Dei
19) Bis das Blut Gefriert

Zugabe:
20) Staatsfeind
21) Koprolalie

Auch 2012 erwies sich das WGT wieder als ein ganz besonderes Festival, welches seinen Besuchern wahrscheinlich noch lange in Erinnerung bleiben wird. Das gute Wetter, welches sich durch Trockenheit und angenehme Temperaturen auszeichnete, hat auf jeden Fall seinen Teil dazu beigetragen, dieses Event zu einem perfekten Auftakt für die nun anstehende Festival-Saison zu machen, welche wahrscheinlich von vielen WGTarieren herbeigesehnt wird – auch wenn diese kein weiteres Event beinhaltet, das sich auch nur annäherungsweise mit dem Wave-Gotik-Treffen vergleichen lassen kann.

 

Bericht und Fotos: Kerstin Tschöpe / V.U.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Nachbericht zum Wave-Gotik-Treffen, Leipzig, 25.05.2012 – 28.05.2012

  1. Letztes Jahr habe ich dem Heidnischen Dorf beim WGT einen Besuch abgestattet und war einfach nur baff, wie vielfältig und offenherzig das gesamte Festival ist. Das Heidnische Dorf ist offen für alle und man muss nur einen vergleichsweise geringen Obulus löhnen, um da rein zu kommen. Dafür bietet einem das heidnische Dorf ein sagenhaftes Schauspiel an toll zurect gemachten Menschen (ein paar Impressionen zB auch hier: http://www.leipzig-leben.de/wave-gotik-treffen-leipzig/). Wenn man also nur mal ein bisschen „schwarze Luft“ schnuppern will und nicht das ganze Festvial besuchen eine tolle Option.

    Grüße,

    Adelina

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s