Live Review – Tuska Open Air Metal Festival 2011 (22. – 24.07.2011)

Zum ersten Mal fand das Tuska Festival nicht im Kaisaniemi Park statt. Aufgrund einiger Beschwerden der Anwohner, unter anderem wegen Lärmbelästigung, haben sich die Organisatoren nach einer anderen Location umgesehen und wurden in Suvilahti fündig. Das Areal liegt in einem Industriegebiet und bietet etwas mehr Platz für headbangende Metalfans. Außerdem ist es mit der Metro, Straßenbahnen und Bussen noch immer recht gut zu erreichen.


Natürlich war Visions Underground wieder mit dabei, um das nun mit insgesamt vier Bühnen und zahlreichen weiteren Angeboten, wie Merch-Ständen und mehreren Futter-Anlaufstellen, ausgestattete Gelände unter die Lupe zu nehmen und über das recht ansehnliche Billing zu berichten.

Freitag, 22.07.2011:
Praktisch neben der Metro-Station gelegen befand sich der Haupteingang für die Metalheads, die sich schon vor dem Einlass in Mengen vor den Toren tummelten und in Stimmung brachten. Obwohl der „kalte“ Norden an diesem Tag sämtliche Vorurteile bezüglich der dort herrschenden Temperaturen vernichtend beseitigte, waren die Fans in bester Partylaune. Kein Wunder, denn bereits zum Auftakt des 14. Tuska Festivals wurden zwei erstklassige Metal-Combos auf die Fans losgelassen – gleichzeitig!

Ich habe mich entschieden, zuerst meiner Wahlheimat Finnland Tribut zu zollen, und so führte mich mein erster Weg zur Inferno-Stage, vor der einige Metalfans auf Omnium Gatherum warteten. Ob es die Sehnsucht nach ihren Helden oder einfach nur die erdrückende Hitze in dem Zelt war, vermag ich nicht zu sagen, aber die Rufe nach der Band konnte man bis weit nach draußen hören. Und da waren sie schon … Die Combo aus dem kleinen Städtchen Kotka zeigte sich partywütig mit ihrem Einsteiger „Everfields“ aus ihrem aktuellen Album „New World Shadows“.

Mit dem folgenden Neuling „The Distance“ und „älteren“ Klassikern wie „A Shadowkey“ war schweißtreibender Partyspaß angesagt, und die Köpfe wurden zur Mischung aus recht softem, aber progressivem Death Metal bis zur Bewusstlosigkeit gebangt. Mit Omnium Gatherum war der Auftakt zum Tuska 2011 vollends gelungen, und damit habe ich mich auf den Weg zur EMP-Stage gemacht.

Kurz darauf stand ich vor der kleineren der beiden Freilichtbühnen auf dem Gelände. Hier herrschte mit  Black Breath ein düsterer und temporeicher Metal, und ich war angemessen angetan von dem Sound der Band aus Seattle. Death Metal-Elemente vermischten sich mit schwungvollem Punk und Garage. Auf der Bühne zeigten sich die Jungs von einer zu ihren Songs passenden energiegeladenen Seite und legten eine anspruchsvolle Show auf die Bretter. Somit durfte für jeden „Frühaufsteher“ der Tag bestens begonnen haben.

Eine Stunde später waren die meisten Headbanger vor der Radio Rock-Stage – zum ersten Mal mit zwei Leinwänden an den Seiten ausgestattet – zugegen, um Forbidden zu begrüßen. Die Combo, die sich aus San Francisco im sonnigen Kalifornien auf die lange Reise nach Finnland gemacht haben, wartete mit krachenden, aber auch melodischen Riffs auf, die keinen Kopf unbewegt ließen. Tempogeladener Thrash und die ausdrucksstarke Stimme des Sängers Russ Anderson durchdrangen die Trommelfelle und sorgten für eine wohlige Metal-Ekstase im ganzen Körper.

Eine Stunde lang sorgten die Jungs mit Songs wie „Twisted Into Form“, „Chalice Of Blood“ und „Step By Step“ für eine ausgelassene Stimmung, und das, obwohl bei dem diesjährigen Festival kein Alkohol auf das Gelände mitgebracht werden durfte. Respekt! 🙂

Was passieren kann, wenn man zuviel Judas Priest hört, durfte ich mir gleich im Anschluss anhören. Mit dem Erscheinen der Band Hell aus England und ihrem bizarren Aussehen war ich sehr gespannt, was mich hier erwartete. Doch schon mit den ersten Riffs war eines klar: Die Alben dieser Band landen ganz sicher nicht in meinem Regal. Sowohl musikalisch als auch gesanglich war Hell geprägt von ihren augenscheinlichen Vorbildern Judas Priest und Overkill – nur eben schlechter.

Die in den 1980ern recht erfolglose Combo löste sich nach dem Selbstmord des Sängers Dave Halliday auf. Nach fast dreißig Jahren schlossen sie sich mit einem neuen Sänger zusammen, veröffentlichten im Mai 2011 das Album „Human Remains“ und hoffen nun auf ein Comeback. Die Band kämpfte offensichtlich mit der noch ungewohnten Besetzung, dennoch wuselten sie sich recht gut durch ihre einstündige Show. Es bleibt abzuwarten, was die Zukunft für Hell bereithält.

Ich hatte in der Zwischenzeit das Weite gesucht und huschte zurück zur EMP-Stage, auf der mit Bulldozer aus Mailand eine Begegnung der etwas anderen Art stattfand. Die ersten Klänge waren recht vielversprechend, und ich freute mich bereits auf einen weiteren Thrash Metal-Act an diesem Tag. Musikalisch wurde meine Erwartung auf keinen Fall enttäuscht. Auch die Texte waren – soweit man sie verstehen konnte 😉 – zum Teil ein wenig häretisch, was sich wie ein seidenes Tuch auf die ruppig, melodischen Riffs legte. Die dazu passende Thrash-Stimme à la Destruction rundete ihre Songs voll und ganz ab.

Showtechnisch waren sie – um es einfach auszudrücken – nicht ganz mein Fall. Während auf der einen Seite die Männer an den Saiten abgingen wie geölte Zäpfchen, stand der / die / das Keyboarder in einer Kutte gekleidet nahezu bewegungslos an den Tasten. Auch der Sänger konnte sich nur selten von seinem silbernen, mit „Blut“ überzogenen Pult lösen. Schade eigentlich, denn diese Band könnte mit ein bisschen mehr Bewegung ihren Songs einiges an zusätzlicher Power verleihen. Dennoch war es alles in allem ein gelungener Auftritt des Sechserpacks.

Von Thrash zu Death mit nur wenigen Schritten … Schon stand ich wieder vor der Hauptbühne und musste zugeben, dass ich mich auf den nächsten Act wirklich gefreut hatte. Auch wenn es für einige noch immer schwer zu akzeptieren ist, dass in der von Männern dominierten Death Metal-Welt ebenfalls grunzende Frauen vertreten sind, haben Arch Enemy mit Angela Gossow 2001 eine würdige Nachfolgerin des ursprünglichen Sängers Johan Liiva gefunden.
Jubelrufe wurden laut als sich der Fünfer zeigte und mit „Yesterday Is Dead And Gone“ aus dem aktuellen Album „Khaos Legions“ ohne zu zögern in die Vollen ging. Energisch fetzte Angela über die Bühne und heizte den Metalheads ordentlich ein, und bewies einmal mehr, dass sie ihren männlichen Vertretern des Genres in nichts nachstand. Die Fans zollten ihr dafür auch angemessenen Respekt. Die Band stand felsenfest hinter ihrer Sängerin und rundete mit viel Elan und der nötigen Aggressivität ihr Programm ab, wobei unter anderem „Ravenous“ und „Dead Eyes See No Future“ ein absolutes MUSS waren.

Ausnahmegitarrist Michael Amott legte ebenfalls beachtliche Power und Professionalität an den Tag und zog mit zum Teil recht anspruchsvollen Soli sämtliche Metaller in seinen Bann. Etwas ruhiger gab sich sein jüngerer Bruder Christopher, der nach einer kurzen Auszeit vor wenigen Jahren zurück in die Band fand, was dem Auftritt der Combo allerdings keinen Abbruch tat. Und so rockten sie das Tuska, bis mit „Nemesis“ und „Fields Of Desolation“ der grandiose Auftritt der Schweden sein viel zu frühes Ende fand.

Nach diesem aufregenden Erlebnis war es an der Zeit, zurück in die Sauna zu gehen – die Inferno-Stage :). Hier sollten den Fans mit Grave weitere Death Metal-Klänge um die Ohren gehauen werden. Unter Beistand ihrer Heimatflagge griffen die Schweden ordentlich in die Saiten, und – was sollte ich groß um den heißen Brei reden? – sie verwandelten weite Teile des Zelts in einen einzigen Moshpit. Auch vor dem Zelt stapelten sich die Metalheads, um einen Blick auf die sagenhafte Leistung der Band, die erst kürzlich mit Obituary durch Europa gezogen waren, zu werfen.

Man konnte durchaus den Eindruck gewinnen, Schweden wüssten am besten, was wahrer Death Metal bedeutet. Aber noch war nicht aller Tage Abend, und nach diesem recht kurzen Vergnügen hechtete ich zurück zur EMP-Stage.

Was mich allerdings hier noch vor Anfang der nächsten Show erwartete, hätte ich mir im Leben nicht er-alp-träumen lassen. Noch bevor überhaupt jemand auf der Bühne stand, ertönten lange und tiefe Bass-Sounds, die einem nicht nur sprichwörtlich durch Mark und Bein gingen. Die Vibrationen zuckten von der Fußsohle durch den gesamten Körper bis in die allerletzte Haarspitze. Über eine gefühlte Ewigkeit musste ich meinen Magen festhalten, damit sich meine Mahlzeit nicht freiwillig evakuierte. Bei einem Blick in die ersten Reihen vor der Bühne stellte ich mit Schrecken fest, dass nicht nur mir die Farbe aus dem Gesicht entwichen war. Als dadurch zumindest die ersten zwanzig Reihen wachgerüttelt waren, konnte die Show beginnen :D.

Endlich erfolgte die Erlösung, denn Electric Wizard erschien und startete ihr Programm mit „The Chosen Few“. Der psychedelische Sound der englischen Combo übertrug sich ziemlich schnell auf die Massen vor der Stage, und die Köpfe wurden trotz der zumeist recht schwerfälligen und schleppenden Werke gebangt. Die beste Stimmung herrschte bei dem auf mySpace.com meistgeklickten Song „Satanic Rites Of Drugula“.

Persönlich sind Electric Wizard nicht mein Fall, deshalb zog ich mich im Anschluss daran zurück, um mir vor dem nächsten Act ein wenig Erholung zu gönnen, während die Fans vor der EMP-Stage weiter feierten. Nach den letzten Klängen erntete die Band aus Dorset einigen Applaus, bevor sich die mehrheitlich schwarzgekleidete Menge auf den kurzen Weg zur Radio Rock-Stage machte, vor der ich bereits gespannt wartete.

Pünktlich betrat die Wiedervereinigung der Band At The Gates die Bretter und legte kommentarlos mit „Slaughter Of The Soul“ von der gleichnamigen und auch letzten Platte vor dem Split los. Ungeachtet dessen, dass sie seit diesem Album nur eine Compilation sowie eine Live-CD + DVD auf den Markt gebracht haben und überdies weiterhin keine neuen Songs schreiben wollen, war die Laune sowohl im Publikum als auch auf der Stage ausgezeichnet.

Die (mal wieder) schwedische Death Metal-Truppe bewies den Fans, dass sie trotz ihrer Pläne noch immer ordentlich Feuer unter dem Hintern haben. Und so schlugen sie sich mit Leichtigkeit durch die Alben der 1990er. Natürlich durften Songs wie „Terminal Spirit Disease“, Raped By The Light Of Christ“ und „The Burning Darkness“ nicht fehlen. Musikalisch und gesanglich haben die Jungs nichts von ihrem ursprünglichen Charme verloren und wurden damit zu einem der Top-Acts an diesem Tag. Zum Abschluss spielten sie den 1992er Klassiker „Kingdome Come“, ehe sie würdevoll die Bühne verließen, um die (vielleicht nur vorerst) letzten beiden Gigs ihrer Reunion-Tour zu absolvieren.
Ein wenig Wehmut machte sich breit, als die Fanmasse wieder auseinander ging. Die Band hatte laut Aussage auf ihrer Homepage ihre Entscheidung jedoch gefällt:
„At the gates will do a limited run of select shows in 2011. Simply put, we had the time of our lives during the 2008 reunion and have decided to do a couple of more shows. Although we won’t be touring extensively, and we stick to the initial promise of not making anymore music.“

Viel Zeit, um über die Absichten der hervorragenden Band aus Schweden zu trauern, hatte ich nicht, denn „The Show Must Go On“. In diesem Sinne huschte ich über das Gelände zur nächsten schwedischen Combo.
Nach dem furiosen Auftritt von Michael Amott mit Arch Enemy durfte er sich wenige Stunden später mit Spiritual Beggars erneut präsentieren, aber auch Basser Sharlee D’Angelo war mit von der Partie. Und zu Songs wie „One Man Army“, bei dem den Fans durch Sänger Apollo Papathanasio ordentlich eingeheizt wurde, oder „We Are Free“ zeigte sich die Band von ihrer besten Seite. Showeinlagen gehörten dabei ebenso zu ihrem Programm, wie ausdrucksstarke Riffs und die prägnante Gesangsstimme.

Über die gesamte Showzeit hinweg präsentierten sich die Schweden von einer ausgelassenen, aber in hohem Maße professionellen Seite. Die Fans ließen sich davon anstecken, und besonders bei dem weitbekannten Ohrwurm „Throwing Your Life Away“ kochte das Zelt über, und es wurde kräftig mitgesungen. Ein 1A-Auftritt, der für mich leider viel zu früh zuende ging :(.

Mit dem Erscheinen der nächsten Band hätte ich fast geglaubt, heute morgen sei ein UFO aus einer fremden Welt gelandet. Fünf bunt durcheinandergewürfelte Männer enterten die Bühne und standen dem ohnehin schon etwas merkwürdigen Namen Killing Joke in nichts nach. Unter Beifall starteten sie ihre Show mit „The Wait“.
Der industrielle Sound der Engländer war anfangs recht gewöhnungsbedürftig und das Auftreten der Combo sehr eigenwillig. Doch mit der Zeit konnten mich die Männer mit ihren Werken wie „Madness“ oder auch „Pandemonium“ um den Finger wickeln, nicht zuletzt dadurch, dass unter anderem Punkeinflüsse zu hören waren und somit eine gesunde Mischung entstand.

Das Publikum war über die einstündige Show unterschiedlicher Meinung. Während sich die einen zurückhielten, wurden Killing Joke – jedoch von der Mehrheit – gefeiert. Und die Band dankte es ihnen mit guter Laune und Professionalität; wohl nach dem Motto „Love Us Or Hate Us“.

Und weiter ging’s … Einer meiner persönlichen Höhepunkte des gesamten Festivals stand schon Freitag Abend als Headliner des Tages auf dem Programm. Und der Begeisterung des finnischen Publikums beim Erscheinen der in Florida gegründeten Band Morbid Angel nach zu urteilen, zählte das nicht nur für mich. Bereits bei dem Klassiker „Immortal Rites“ war die Menge hemmungslos gefesselt, und die Köpfe wurden bis zur völligen Erschöpfung gebangt.
Die sich durch häretische und zum Teil umstrittene, sozialkritische Texte auszeichnenden Metaller waren einmal mehr der Beweis dafür, dass herausragender Death Metal eben nicht nur aus Schweden kommt. Durch Songs ihres nach langen Jahren Ruhe sehnsüchtig erwarteten neuen Albums „Illud Divinum Insanus“, unter anderem „ExistoVulgoré“ und meinem Favoriten „I Am Morbid“, taten sie der Stimmung keinen Abbruch und ließen anschließend mit dem zeitlosen Renner „Angel Of Disease“ das Feuer im Publikum noch heißer brennen.

Ich war nicht die einzige, die sich förmlich an die Bühne klammerte, aber nicht nur aus dem Grund, da der oft missverstandene Sänger David Vincent mit seinen 46 Jahren noch immer wie ein Gott aussieht. (Das kommt dabei raus, wenn man eine Frau das Review schreiben lässt ;).) Die Jungs aus den Staaten lieferten auch eine entsprechende Show mit viel Energie und einer Wahnsinnsportion Professionalität. Dabei ließen sie kein Becken, keine Drum und keine Saite ungespielt, ebenso wenig wie den verrufenen Song „Where The Slime Live“. Die Metalheads waren begeistert und spendeten Morbid Angel jede Menge Beifall, bis die Band ihre grandiose Show mit „World Of Shit (The Promised Land)“ abschlossen, worauf das Publikum noch Minuten später nach Zugaben rief.

Bands auf Club Stage:
Cause For Effect (FIN)
Tinner (SWE)
Goresoerd (EST)
Lighthouse Project (FIN)
Oranssi Pazuzu (FIN)
Cavus (SWE)

Somit wurde der Schlussstrich des ersten Tages gezogen, und die meisten Metal-Fans waren berauscht von den vorzüglichen Shows. Der Auftakt des Tuska 2011 hatte somit bombastisch begonnen, und man durfte sich auf zwei weitere aufregende Tage freuen. Meine heutigen persönlichen Gewinner waren Arch Enemy und Morbid Angel, die maßgeblich zu einer gigantischen Stimmung der Metalgemeinde beigetragen hatten. Und während einige in die Stadt fuhren, um sich in eine der Aftershow-Partys zu werfen, trat ich meinen Weg nach Hause an und rechnete bereits mit einer schlaflosen Nacht im Morbid Angel-Fieber.

Samstag, 23.07.2011:
Mit müden Augen saß ich in der Metro nach Suvilahti. Nachdem ich mir in der vorherigen Nacht eine Morbid Angel-Scheibe nach der nächsten reingezogen hatte, war an Schlaf kaum noch zu denken. Um so glücklicher war ich bei der Erkenntnis, dass ich nicht die einzige war, die unter Schlafmangel litt :).
Gegen 12 Uhr „morgens“ konnte man ganz klar sehen, wer am Freitag bereits auf dem Tuska gefeiert hatte. Es waren nicht nur zerknitterte Gesichtsausdrücke, die hinter den zumeist langen Haaren zu sehen waren, sondern auch ein zum Teil krebsroter Sonnenbrand. Dieser Tag versprach jedoch ein wenig Erholung von der Sonne … irgendwann zumindest 🙂
Aber heute sollte auch der menschenreichste Tag werden, denn laut den Organisatoren wuselten rund 10.000 Metalheads über das Gelände. Einige davon stapelten sich kurz nach Einlass vor der Inferno-Stage, denn sie wollten sich eine der bekanntesten Lokalmatadoren nicht entgehen lassen.

Außerhalb der Club-Stage gebührte der Auftakt des zweiten Tages der in Helsinki ansässigen Combo myGRAIN. Das Anfang des Jahres erschienene Album „Mygrain“ sorgte bei den Medien für Furore und erhielt mehrfach exzellente Bewertungen. Nicht zuletzt dadurch war der Sechserpack bereits bei der Finnish Metal Expo im Februar zugegen. Als Anerkennung ihres einschlagenden Erfolges war ihnen endlich ein Platz auf dem Tuska gesichert worden. Was die Fans davon hielten, konnte man schon aus der Ferne sehen … Sie waren begeistert und stürmten in das Inferno-Zelt wie Frauen bei einem Schuhausverkauf 😉

Dabei erhoffte sich niemand zuviel, denn die Band um Tommy Tuovinen übertraf alle Erwartungen, als sie mit „Dust Devils And Cosmic Storms“ die Stage rockten. Die nahezu unvergleichbaren melodischen, fetzigen Sounds der Band plus der rauchige Death-Gesang sowie die harmonischen Backgroundgesänge brachten die Fans schon in der „Früh“ zum exzessiven Headbangen – bis an den Rand der Ohnmacht. Eine Pause wurde ihnen mit Songs wie „Of Immortal Aeons“ und „A Clockwise Apocalypse“ aber auch nicht gegönnt. Somit rundum ein mehr als gelungener Samstag Morgen :).

Leider musste ich mich nach einer halben Stunde von myGRAIN verabschieden, denn das Programm lief unerbittlich weiter. Raus aus dem Zelt, und ein kurzer Blick nach oben verriet, dass der Himmel ein wenig zugezogen war, aber es interessierte im wahrsten Sinne des Wortes keine Sau.
Vor der EMP-Stage sammelten sich Metal-Begeisterte, um die norwegische Thrash/Speed Metal-Band Witchery zu begrüßen. Und wieder fand man ein bereits bekanntes Gesicht – Sharlee D’Angelo, der seit 1999 bei Arch Enemy in die Basssaiten greift und am gestrigen Tag ebenfalls bei Spiritual Beggars zu sehen war.

Er sollte jedoch nicht der einzige Grund gewesen sein, warum die Metalheads so zahlreich erschienen waren. Die kräftigen, ruppigen Thrash-Riffs, gemischt mit wohltuenden Gitarrensoli und durchdringendem Death Metal-Gesang luden zum fröhlichen Headbangen ein. So erzielten Witchery einen Treffer nach dem nächsten und heimsten für Songs wie „The Storm“ oder dem von der Scheibe „Symphony Of The Devil“ stammende Renner „Omens“ viel Applaus und Jubelrufe ein. Damit versprach auch dieser Tag ein guter zu werden.

Auf der Hauptbühne wurden die letzten Vorbereitungen getroffen, und ich war sehr gespannt auf den Symphonic Metal-Act Epica aus den Niederlanden, da ich bereits vielseits Gutes gehört hatte.
Nach dem Intro „Samadhi“ aus dem Album „Design Your Universe“ zeigte sich die Band schließlich mit „Resign To Surrender“, was bei den Fans allerdings keine Begeisterungsstürme auslöste. Nur vereinzelt (aber recht verhalten) wurde „mitgeschunkelt“, und besonders anfangs herrschte im Fotograben mehr Bewegung als im Publikum. Doch bei dem temporeicheren „Unleashed“ wachten einige Metalheads auf und streckten ihre Hände gen Himmel. Die Band ließ diese Tatsache jedoch ungerührt. Mit viel Elan zogen sie ihre Show professionell durch, und damit gelang es ihnen im weiteren Verlauf, die Fans anzuheizen.

Mit „Quietus“ und „Cry For The Moon“ hatte die Band ihren Durchbruch bei den finnischen Metalheads endlich geschafft, und sogar der einsetzende Regen konnte kaum einen Zuhörer verjagen. Sie frönten den melodischen Gitarrenklängen und der engelsgleichen Stimme der Sängerin Simone Simons, obgleich Epica sehr stark an den Sound der Kollegen von Within Temptation anlehnte.
Das finale Ende der Show begingen sie mit „Consign To Oblivion“, worauf doch noch einiges an Applaus für die niederländische Combo abfiel. Und damit ging es weiter in das schützende Zelt der Inferno-Stage.

Nach dem symphonischen Ausflug folgte eine Band, die zumindest in Finnland bekannt sein dürfte, wie ein bunter Hund. Hier beheimatet, erfreuen sich Fans der Combo Moonsorrow über recht häufige Auftritte. So auch an diesem Tag. Die Jungs hatten es mal wieder geschafft, einige Metalheads vor die Bühne zu schleifen. Als Dank dafür legten sie mit „Köyliönjärven Jäällä“ sofort in altgewohnter Moonsorrow-Manier richtig los, ehe sie zu „Tähdetön“ von ihrer neusten Scheibe „Varjoina Kuljemme Kuolleiden Maassa“ überwechselten und unter Beweis stellten, dass sie noch immer Meister der überlangen Songs waren.

Die Fans ließen sich davon nicht stören – ganz im Gegenteil. Sie jubelten ihren Helden zu und sangen lauthals mit. Es herrschte eine Spitzenstimmung für eine Band, die bald schon täglich auf den Bühnen Finnlands steht. Aber genauso routiniert spielten sie ihre aus Black Metal, Folk und Progressive zusammengewürfelten Songs und lieferten showtechnisch erneut ein einwandfreies Programm ab. Mit dem Klassiker „Aurinko Ja Kuu“ aus dem Album „Voimasta Ja Kunniasta“ schlossen sie ihre mit gerade einmal fünf Songs bestückte Setlist ab und erhielten langanhaltenden Applaus von ihren Fans. Respekt!

Weiter ging es auf der EMP-Stage mit dem Brüderpärchen Marco und Zachary Hietala. Bereits im letzten Jahr hatten Tarot auf dem Tuska für gute Stimmung gesorgt; wohl erwarteten es die Veranstalter ebenso in diesem Jahr. Mit einem etwas metaluntypischen Auftreten sind ihre Fans von Frontmann Marco schon vertraut, und diesmal erschien er mit Stahlhelm und Sandalen auf der Bühne.

Ungeachtet der äußeren Erscheinung ging es mit dem von 1986 bekannten, in 2011 neu aufgelegten „Midwinter Nights“ in altgewohnter Weise gleich richtig ab. Wie immer supergelaunt, hatten die Jungs auch heute ihren Spaß, was die Fangemeinde unwillkürlich ansteckte. Weitere Songs folgten Schlag auf Schlag, und die Metalheads feierten zu „Back In The Fire“, „Love’s Not Made For My Kind“ sowie „Pharao“. Natürlich durfte zum Ende der Show „Things That Crawl At Night“ aus dem Debütalbum nicht fehlen. Vollends ein klasse Auftritt der beliebten Finnen.

Auf diese Weise gestärkt ging es mit einem Sprung zur Hauptbühne, auf der sich die Truppe Katatonia die Ehre gab. Der Bandname leitet sich von dem psychomotorischen Syndrom Katatonie, was soviel wie „Anspannung von Kopf bis Fuß“ bedeutet, ab. Und diese Beschreibung bedarf keiner weiteren Erklärung, denn die Schweden rockten in atemloser Spannung die Radio Rock-Stage. Tiefe, ruppige, aber auch schwungvolle Dark Metal / Progressive Rock-Klänge in Verbindung mit der melodischen Stimme des Sängers Jonas Renske trafen schon bei „Forsaker“ die Herzen der Metalfans.

Im Verlauf der Show gaben Katatonia weitere Songs der 2009er Platte „Night Is The New Day“ zum Besten, worauf ihnen von einigen Metalheads vor der Bühne viel Applaus zuteil wurde. Aber auch altbekannte Songs wie „I Break“ und „Sweet Nurse“ durften nicht fehlen. Mit „Leaders“ zog die Combo den Schlussstrich unter ihren grandiosen Auftritt, ehe sie sich um die Vorbereitungen zu ihrer zweimonatigen USA / Canada-Tour ab September kümmerten. Die Fans – zu denen ich seit heute ebenfalls gehöre – waren jedenfalls begeistert.

Eine Verschnaufpause wurde niemandem gegönnt. Nun mussten sich die Metalheads entscheiden, vor welche Stage sie sich stellten, denn es gab zeitgleich zwei Bands, die viel versprachen.
Und wieder folgte ich der unbeugsamen Treue zu meiner Wahlheimat und entschied mich, zuerst bei Wintersun vorbeizuschauen. Obwohl es Frontmann Jari Mäenpää bis zu diesem Tag nicht gelungen ist, das seit 2006 geplante zweite Album „Time“ auf den Markt zu bringen, wirkten die Finnen auf ihre Fans wie ein Magnet. Somit starteten sie vor einem ganzen Pulk Metal-Begeisterter mit dem kurzen, aber schwungvollen „Beyond The Dark Sun“ aus ihrem bislang einzigen veröffentlichten Album „Wintersun“.

Ihren mit ein wenig Folk angehauchten Melodic Death Metal-Songs verfielen die Zuhörer bereits im ersten Augenblick, und auch ich hatte Mühe, mich auf die Show zu konzentrieren, anstatt in einem Rausch dem von Doublebase und zackigen Gitarren-Sounds geprägten Metal zu versinken.
Und während die Finnen „Winter Madness“ zum Besten gaben, musste ich mich für ein paar Minuten von der Show lösen, kehrte aber pünktlich zurück, um „The Way Of The Fire“ – einem brandneuen Song – und ihren krönenden Abschluss „Starchild“ nicht zu verpassen. Im Anschluss daran riefen die Fans lauthals nach MEHR, aber leider war die einstündige Showzeit vorbei 😦

Bei soviel Aufregung hatte ich wahrlich Mühe, mich zu einem kurzen Besuch im Inferno-Zelt durchzuringen. Allerdings: Wann bekommt man in Finnland schon mal eine Band aus Japan zu sehen? Somit fetzte ich zur Inferno-Stage, auf der Church Of Misery das Zentrum der Metalgemeinde in einen verhältnismäßig großen Moshpit verwandelte. Obwohl das Doom Metal-Genre weniger zu meinen bevorzugten Musikrichtungen gehört, war ich doch schwer beeindruckt von ihrer energiegeladenen Show, die ich von anderen Doom-Bands alles andere als gewohnt war. Vielleicht lag das auch einfach nur daran, dass doch immer wieder Einflüsse aus dem Stoner Metal durchkamen und somit eine gelungene Abwechslung darstellte. Somit kann ich die Band ruhigen Gewissens weiterempfehlen.

Nach Wintersun und Church Of Misery ging es nahtlos weiter. Voller Vorfreude gesellte ich mich zu den Metalheads vor der Radio Rock-Stage, denn es stand Besuch aus meiner alten Heimat auf dem Programm. Die letzte deutsche Combo war Kreator, die sich 2008 auf dem Tuska die Ehre gab. Ein Jahr davor war der folgende Act jedoch schon zu Gast. Die Rede ist von Blind Guardian. 2007 verpasst sollte mir DAS dieses Mal nicht passieren! Der Sonne erging es ähnlich, somit verjagte sie kurzerhand sämtliche Wolken, um selbst einen Blick auf die Speed & Power Metal-Truppe zu werfen.
Pünktlich wie die Maurer enterte der Sechser die Bühne und starteten ihre Show mit dem Neuling „Sacred Worlds“ aus der in 2010 veröffentlichten Platte „At The Edge Of Time“. Die Band um Hansi Kürsch und André Olbrich überzeugte die Metalgemeinde, dass sie sich in den vergangenen Jahren showtechnisch um einiges weiterentwickelt hatte. Und während sie den Fans klassische Songs wie „Welcome To Dying“, „Valhalla“ und „Tanelorn (Into The Void)“ um die Ohren schlugen, kehrten sie allesamt ihr inneres Feuer nach außen. Die Menge sang lauthals mit, und ich konnte mich ebenfalls nicht mehr zurückhalten, wobei ich nicht einen einzigen Gedanken an die möglicherweise fehlende Stimme am folgenden Tag verschwendete.

Zwischen den Songs bewies sich Hansi als Entertainer und interagierte wesentlich öfter mit dem Publikum, als man es in den Jahren zuvor noch gewohnt war. Aber auch dadurch gerieten die NRW-ler ein wenig unter Zeitdruck, somit wurde der ein oder andere Song eine Spur schneller gespielt :D. Jedoch zogen sie rechtzeitig die Bremse, denn mit „The Bard’s Song – In The Forest“ wurden mit dem Publikum die Rollen getauscht. Nun lag es an ihnen, die „Blind Guardian-Hymne“ von 1992 zum Besten zu geben. In diesem Moment hörte man auf dem Areal nichts weiter, als die Masse an Fans, die lautstark den altbekannten Song wiedergaben. Dabei wurde die sonst so ausgelassene und wilde Stimmung für diese Zeit gänzlich durch Harmonie mit einer großen Portion Gänsehaut abgelöst. Der Höhepunkt der Show bildete allerdings der aus dem Album „Nightfall In Middle Earth“ stammende Kracher „Mirror Mirror“. Damit verabschiedeten sich Blind Guardian und ernteten langanhaltenden Beifall.

Mit ein wenig Schwermut über das Ende der Show löste sich der Pulk vor der Bühne auf, und die Fans mussten sich einmal mehr auf eine Band festlegen, welche sie für sehenswerter hielten. Durch die Ewigkeitswanderungen über das Gelände, entschied ich mich für die Nachbarbühne EMP, auf der wenige Augenblicke später Enslaved ihr Programm angingen.

Die Mischung aus Viking und Progressive Metal kam bei dem finnischen Publikum bestens an, und Titel wie „The Voices“, „Fusion Of Sense And Earth“ oder auch „Allfáðr Oðinn“ sorgten für ordentlich Stimmung, und die Norweger wurden mit einigem Applaus bedacht. Nicht nur musikalisch professionell, war ebenso ihre Show energiegeladen und lud geradezu zum hemmungslosen Moshen ein. Spitzenleistung!
Da aber zur selben Zeit noch ein weiterer Act anstand, musste ich viel zu früh den Platz vor der kleineren Freilichtbühne räumen :/.

Weiter ging es in das schunkelige Zelt, in dem ich zum zweiten Mal in diesem Jahr die Gestalten der Truppe Ghost sehen durfte, die als letzte Band der Finnish Metal Expo auftrat. Hatte man sich einmal an das ungewöhnliche Auftreten der Schweden gewöhnt, konnte man den eigenartigen Klängen der erst in 2008 gegründeten Combo frönen. Ihre Songs mischten sich aus verschiedenen Stilen zusammen, unter anderem Powerpop, Black Metal und ein wenig Doom. Alles andere als mein Fall, war ich doch einigermaßen erstaunt, wie Ghost auf ihr Publikum wirkten, die sich zahlreich in dem Zelt versammelt hatten. Die Leute klatschten und sangen zum Teil sogar mit. Alle Achtung!

Ein paar Minuten später zog ich weiter, denn das Programm war auch um diese Zeit gesteckt voll. Bereits 2009 auf dem Tuska gesehen und für eindrucksvoll befunden, lag es natürlich nahe, der finnischen Grindcore-Band Rotten Sound einen Besuch abzustatten.

Allerdings wurde ich dieses Mal arg enttäuscht. Sie haben zwar nicht an Power und Aggressivität verloren, aber die Qualität ihrer Songs war zwei Jahre zuvor noch um einiges besser. Mit Müh und Not schrotteten sie sich durch ihr Programm. Schon aus diesem Grund war ich nicht die einzige, die sich vorzeitig aus dem Club nach draußen verzog. Schade eigentlich!

Und so konnte ich mir eine kurze Pause gönnen, ehe der Headliner dieses Tages auf dem Plan stand. Im vorigen Jahr trat Devin Townsend gleich an zwei Tagen auf. 2011 allerdings „nur“ mit dem Devin Townsend Project. Der Meinung aus dem VU-Review vom Vorjahr konnte ich getrost treu bleiben, denn mit Ausnahmesängerin Anneke van Giersbergen lieferte Produzent, Sänger und Gitarrist Devin Townsend eine grandiose Show ab. Und obwohl der Wind in schattigeren Plätzen doch etwas frisch wurde, lief mir den Schweiß in Bächen über die Haut.
Nach einer kurzen und witzigen Einlage des geborenen Entertainers Devin wurde mit „Addicted!“ der musikalische Beginn der Show eingeleitet. Zackige Riffs gehörten ebenso zum Programm, wie fetzige Melodien und die harmonische Verschmelzung der Stimmen von Devin und Anneke. Aber auch die Fans ließen es sich nicht nehmen, bei dem nachfolgenden „Supercrush“ lauthals mitzusingen.

Weitere Renner wie „Deadhead“, „Stand“ und „Juular“ ließen nicht lange auf sich warten, und die Party vor der Hauptbühne kannte kein Ende mehr. Den furiosen Abschluss zog die Truppe mit „Deap Peace“, worauf auf dem Gelände außer Applaus und Jubelrufen nichts weiter zu hören war. Ein absoluter Erfolg für den unverwechselbaren Geist, der sich auch über sich selbst lustig machen kann: „Devin? Das ist dieser Typ, der immer furchtbar wichtig sein wollte, sich auf dem Weg dorthin aber regelmäßig lächerlich gemacht hat.“ (Interview, RockHard Nr. 173) / Sämtliche Daumen hoch, Devin!

Bands auf Club Stage:
Mononen (FIN)
Fleshpress (FIN)
Medeia (FIN)
Feasteam (FIN)
Axegressor (FIN)
Hooded Menace (FIN)
Rotten Sound (FIN)

Zum Ende des Tages konnte ich nur noch sagen „Wow! Wie soll das noch übertroffen werden?“ Schwer begeistert trat ich die Heimreise an, wobei mich Ohrwürmer von Blind Guardian und dem Devin Townsend Project bis tief in die Nacht hinein nicht mehr losließen. Von diesen beiden Bands kann ich sehr wohl behaupten, sie waren die Abräumer des Tages, und die Fraktionen des letzten Tuska-Tages sollten es verdammt schwer haben, DAS zu toppen.

Sonntag, 24.07.2011:
Nun hatte mich die Insomnie zum Abschluss des Festivals doch noch erwischt. Mit Hilfe von Streichhölzern konnte ich meine Augen eine Weile offen halten. Und Dank des Coca Cola Zero-Standes in der Nähe des Inferno-Zeltes wurde ich durch fünf oder sechs Dosen Cola doch ein wenig aufgeweckt :).
Glücklicherweise war ich nicht die einzige, die fast schon auf allen Vieren dahergekrochen kam und sich in das Zelt schlich, um den letzten Tag anzugehen.

Die Drogenportion Coca Cola zeigte schließlich seine Wirkung, aber auch der aufrüttelnde Death/Thrash Metal der Finnen von Impaled Nazarene brachten mich und einige weitere Besucher dazu, wieder aufrecht zu stehen. Bei Songs wie „Vitutuksen Multihuipennus“, „Coraxo“ oder „Kuolema Kaikille“ war es schier unmöglich, erneut ins Koma zu fallen.

Die ruppigen und harten Riffs der Combo vibrierten durch den ganzen Körper, und kein Kopf blieb daher ungenickt. Hinzu kamen aufheizende Motivationsschübe des Sängers Mika Luttinen, und das Zelt kochte. Ein 1A-Auftritt der sonst recht anrüchigen Band.

Gestärkt und wieder bestens gelaunt ging es zur EMP-Stage. Voller Erwartung rieb ich mir die Hände, denn der nachfolgende Act war schon bei der Finnish Metal Expo zugegen und sorgte für erstklassige Stimmung. Kvelertak, norwegisch für „Würgegriff“, sollte auf dem Tuska der Menge einheizen. Mit ihrem gleichnamigen Debütalbum schlugen die Jungs nicht nur in ihrer Heimat ein wie eine Bombe, sondern sie machten sich auch mit ihrer resoluten Show als Live-Band einen guten Namen.

Wie zu erwarten, erschien Kvelertak in bester Partylaune und zog das Publikum mit ihrem norwegischen Charme in null Komma nix in seinen Bann. Dabei waren weniger die aus Hardcore Punk, Rock ’n’ Roll und Black Metal buntgewürfelten Songs wie „Sjøhyenar“, „Liktorn“ oder „Blodtørst“ ausschlaggebend … Vorwiegend zählte die powervolle Stimmung auf der Bühne, und Sänger Erlend Hjelvik warf sich auch gerne ein paar Mal halbnackt ins Publikum. Stage-Diving auf Norwegisch. Absolut empfehlenswert!

Nach so viel Spaß ging es kurz darauf mit Meshuggah etwas ernster zu. Gleich zu Beginn wurde den Fans von der schwedischen Death/Thrash Metal-Truppe mit „Rational Gaze“ ordentlich eingeheizt. Das Auffälligste an ihren Kompositionen ist die Überlagerung verschiedener Rhythmen in ihren mehrstimmigen Songs, was vorwiegend in der traditionellen afrikanischen Musik und seit Mitte des 20. Jahrhunderts im Jazz zu finden ist. Hinzu kommen seit dem Album „Nothing“ die achtseitigen Gitarren, die eine ganze Oktave tiefer gestimmt sind, als gewöhnliche Gitarren, und der fünfseitige Bass.

Dieser Mischung, dem progressiven Sound der Band und dem erstklassigen Death-Gesang frönte das finnische Publikum zu weiteren Songs wie „Lethargica“, „Perpetual Black Second“ oder auch „Future Breed Machine“, was die headbangende Gemeinde bis zum Schluss stetig anstachelte. Sehr geiler Auftritt des Fünfers aus Umeå.

Zu den ersten Bands, die den Hardcore-Punk in den Vereinigten Staaten prägten, zählte und zählt auch heute noch die in 1982 gegründete, umstrittene Band Agnostic Front aus New York. Kurz nach der Gründung durch den Gitarristen Vinnie Stigma wurde mit Roger Miret ein beständiger Sänger gefunden, dessen Hardcore-typisches Shouting einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. Musikalisch hat sich Agnostic Front seit Beginn nicht viel nehmen lassen. Ihre, vorwiegend in den 1980ern vermehrten, Metal-Elemente aus Thrash und Speed Metal sind auch heute noch vertreten, obgleich nach ihrer Reunion wieder zunehmend britischer Oi! und Streetpunk Einzug hielten.

Aber gerade diese Mischung in kurzen, schnell gespielten Songs mit häufigen Singalongs (Mitsingpassagen) und der nötigen Härte wie „That’s Life“ oder „Gotta Go“ unterschied die Band von allen anderen Gruppen auf dem diesjährigen Tuska. Ein dazu passendes Streetpunk-Auftreten auf der Bühne war die Vollendung ihrer Show. Leider waren das die meisten Metalheads nicht gewohnt und wussten lange nichts damit anzufangen. Entsprechend verhalten war die Stimmung im Publikum, und Agnostic Front bekamen nur ansatzweise den Tribut gezollt, den sie verdient hätten.

Wem die Musik der New Yorker nicht gefiel, hatte zu diesem Zeitpunkt mit Jex Thoth auf der Inferno-Stage eine andere Anlaufstelle. Die Band um die gleichnamige Sängerin ist ebenfalls alles andere als Mainstream. Ihre Musik zeichnet sich durch Rock und dem sogenannten Proto-Doom aus, der vorwiegend als psychedelische Ära in den 1970ern gängiger war.
Das Tempo war ähnlich dem Doom aus heutigen Tagen, und auch die Soloeinlagen waren zwar hochgradig melodisch, jedoch sehr doomlastig gespielt. Hin und wieder wurde innerhalb der Songs, wie „When Raven Calls“ oder meinem persönlichen Favoriten „Son Of Yule“, das Tempo angezogen, was ihre Musik allgemein attraktiver machte, und das Publikum rockte. Die Stimme war ausdrucksvoll und hatte viel Power, auch wenn sie sehr stark an die von der isländischen Ausnahmesängerin Björk erinnerte :). Alles in allem kann ich aber behaupten, dass man Jex Thoth zumindest einmal im Leben live gesehen haben sollte.

Mein persönlicher Höhepunkt des Tages folgte sofort im Anschluss. Sie landen seit nunmehr über zehn Jahren mit fast jeder Veröffentlichung auf einem Rang in den TOP 10 der finnischen Charts und zählen zurecht zu den erfolgreichsten Metal-Bands des Landes. Ihre unzähligen Auftritte in Finnland und die zumeist ausverkauften Clubs sind ein weiterer Beweis dafür, dass die Helsinkier Band Amorphis einen hohen Stellenwert genießt. Das wussten auch die Veranstalter und reservierten der Gruppe einen Platz auf der Hauptbühne.
Als die Jungs auf der Bühne erschienen, tobte die Menge, und in Begleitung mit einer passenden Pyrotechnik-Einlage machten sie ihren Fans gleich richtig Feuer unter dem Hintern. Bereits bei ihrem Einsteiger „My Enemy“ aus dem neusten Album „The Beginning Of Times“ wurde geklatscht und mitgesungen, was die Kehlen hergaben – ganz zu schweigen von Dauerbrennern wie „The Smoke“ oder „Towards And Against“.

Ihre Show hatte seit dem Einstieg des Sängers Tomi Joutsen 2005 an Leidenschaft und Energie gewonnen. Auch auf dem diesjährigen Tuska bestätigte sich der Sechser als absoluter Hauptgewinn. Durch die Band angeheizt, ließen sich die Metalheads mit Leichtigkeit zu viel „clap-alongs“ und Sologesängen mit leise begleitender Musik verleiten. Nach einer Stunde und einem „flammenden Inferno“ am Ende des Klassikers „House Of Sleep“ verabschiedete sich Amorphis von ihrem jubelnden Publikum.

Nach dieser exzellenten Show schwang ich mich überglücklich in das Inferno-Zelt, um den Amerikanern von Misery Index einen Besuch abzustatten. Die Gruppe, ursprünglich aus Baltimore, lockte die Metalheads mit einem Mix aus Death Metal und Grindcore, sowie sozialkritischen und links-politisch orientierten Texten. Zuletzt hatte die Combo 2007 den zweiten Tag des Tuska Festivals eingeleitet und das VU-Team mit „ihrem fetten Sound“ überzeugt.

Und an dieser Tatsache hatte sich auch an diesem Tag nichts geändert. Misery Index gingen von Anfang an, unter anderem mit „The Carrion Call“ in die Vollen. Die schlagkräftige Doublebase drang durch und durch, die Gitarrenriffs rockten, und die Death-Stimme des Sängers Jason Netherton machten ihren Auftritt perfekt, worauf sie von ihren Fans laut bejubelt wurden. Respekt auch an Misery Index!

Leider musste ich kurz nach Beginn die Zelte abbrechen, denn vor der EMP-Stage stapelten sich unzählige Metal-Fans, um die Partytruppe Turisas zu begrüßen. In Finnland recht beliebt, wundert es wohl niemanden, dass sie regelmäßig das Tuska Festival beehren. Und so kamen auch einige Fans mit der für die Band typische Gesichtsbemalung, um die Vorliebe für ihre Helden auszudrücken. Für einen kleinen Sympathisanten ging am heutigen Tag ein Traum in Erfüllung, denn er durfte seine Heroen ankündigen.

Nach dem überwältigenden Applaus für den jungen Mann zeigte sich die Mannschaft, mit Filmblut und schwarzer Acrylfarbe bemalt, endlich auf der Bühne. Der von der Band bezeichnete Musikstil „Battle Metal“ ist eine Mischung aus epischem Viking Metal mit ordentlich finnischen Folk-Einflüssen. Und das kam wie gewohnt bei dem Publikum außerordentlich gut an. Nach „To Holmgard And Beyond“ sorgten die Finnen mit „One More“ für noch mehr Stimmung, und die Gesänge der Metalheads waren fast schon lauter, als die Töne aus den Boxen. Aber auch die Songs aus ihrem aktuellen, dritten Album „Stand Up And Fight“ ließen den Betonboden unter den Füßen der Menge beben.

Allein die fröhlichen, ausdrucksstarken Gesänge und die dazu passende Humppa-Musik waren bereits ein Genuss für sich. Die Musiker lieferten aber zusätzlich Showeinlagen am laufenden Band. Über eine Stunde lang war Party Non-Stop angesagt. Die Menge kam nicht zur Ruhe bis die letzten Töne des Erfolgssongs „Battle Metal“ aus ihrem gleichnamigen Debütalbum in den Weiten des Geländes verklungen waren. Was für ein Erlebnis!

Es war kurz vor Feierabend, und die Wolken hatten sich fast verzogen, als nur noch eine Band auf dem Programm stand. Die unverwüstlichen Metalfans klatschten den krönenden Abschluss des Tuska Metal Festivals 2011 herbei. Die Stimmung war durchzogen von Spannung und Vorfreude, aber auch den ein oder anderen Kreuzschmerzen ;).

Endlich war es soweit, und Amon Amarth betraten gutgelaunt die Radio Rock-Stage. Mit einem kurzen pyrotechnischen Feuerwerk gaben die Schweden mit „War Of The Gods“ von ihrer aktuellen Scheibe „Surtur Rising“ gleich richtig Gas. Und schon war die Feier perfekt. In den ersten Reihen wurde wild gebangt, und dahinter gab es einen gewaltigen Moshpit, der Seinesgleichen suchte. Schon 2008 hatte die Band um Johan Hegg das Tuska zum Beben gebracht. Amon Amarth bewiesen auch in diesem Jahr, dass sie sowohl musikalisch als auch showtechnisch zu den besten Melodic Death Metal-Bands gehören.

Auf ihrer Setlist befanden sich insgesamt 18! Songs, die sie gnadenlos dem headbangenden Volk vor der Bühne um die Ohren schlugen. Zu den sich ausschließlich mit Wikinger und der nordischen Mythologie befassenden Songs zählten unter anderem „Destroyer Of The Universe“, „Cry Of The Black Birds“ oder auch „Death In Fire“, die sie ihren Fans eindrucksvoll entgegenknallten. Die Jungs selbst präsentierten sich mit jeder Menge Feuer im Hintern, was das Publikum zusätzlich zum Überkochen brachte. Mit dem letzten Song auf ihrer Setlist – „The Pursuit Of Vikings“ – neigte sich die Show von Amon Amarth und das Tuska Festival 2011 dem Ende zu.

Bands auf Club Stage:
Carnalation (FIN)
Totalselfhatred (FIN)
Shining (SWE)
Gaf (FIN)
Black Crucifixion (FIN)

Letztlich war auch der dritte Tag viel zu schnell vorbei, und über das Billing konnte sich auch heute keiner beschweren. Das Programm war abwechslungsreich, die Stimmung stets ausgelassen, und die Temperaturen angemessen. Meine persönlichen Gewinner des Tages waren ohne Zweifel die verrückte Combo Kvelertak und die heißbegehrten Finnen von Amorphis. Dennoch: Dickes Lob an alle!

Das Tuska 2011 war zuende, und die Menschenmasse überflutete die nahegelegene Metro-Station, während auf dem Gelände mit den Abbauten begonnen wurde. Vor dem Heimweg nahm ich mir noch einen Augenblick, um die letzten drei phantastischen Tage Revue passieren zu lassen.
Insgesamt waren einundfünfzig Bands auf vier Bühnen aufgetreten – davon achtzehn auf der kleineren Club-Stage. Unter all den hervorragenden Bands, die sich über das lange Wochenende gegenseitig die Klinke in die Hand drückten, waren meine persönlichen TOP 3-Abräumer des Festivals Morbid Angel, Blind Guardian und Kvelertak, die – neben ihren finnischen Kollegen – meiner Meinung nach mit ihren Songs und ihren Shows die insgesamt 28.000 Besucher am intensivsten fesseln konnten. Daumen hoch!
Im Nachhinein stellte sich das Gelände inmitten eines Industriegebiets doch als gar nicht so übel heraus. Zwar hatte ich die entspannten Metaller auf den verhältnismäßig großen Grünflächen des Kaisaniemi Parks rund um das Areal ein wenig vermisst, aber die Mehrheit der Headbanger konnte sich mit dem neuen „Territorium“ recht schnell anfreunden. Neben den Ständen, an denen unter anderem Henna-Tattoos, Sonnenbrillen, Schmuck und Kleidung verkauft wurden, sowie dem erweiterten Fressalien-Angebot, gab es zusätzlich drei Zonen (anstatt einer), in denen Alkohol ausgeschenkt werden durfte.

Abschließend darf ich behaupten, dass es den Veranstaltern erneut gelungen war, ein fabelhaftes Programm auf die Beine zu stellen, und die Bands sorgten anhaltend für die nötige Stimmung der Metalgemeinde. Immer weiter so, und bis zum nächsten Tuska in 2012!

Bericht & Fotos: Alexandra Krautz, V. U.

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Ein Kommentar zu “Live Review – Tuska Open Air Metal Festival 2011 (22. – 24.07.2011)

  1. Schönes Review! Kleine Korrektur aber doch – Grund für den Umzug waren NICHT Anwohnerbeschwerden und Lärmbelästigung, sondern die bevorstehende Renovierung des Kaisaniemi-Parks (mit eingehender Verlagerung des Nutzungsschwerpunkts). Diesmal hätte das Festival zwar theoretisch noch einmal dort stattfinden können, aber danach nicht mehr, und weil die Möglichkeit bestand, die künftige Location bereits dieses Jahr auszutesten, haben die Veranstalter natürlich zugegriffen. Mit vollem Erfolg, würde ich sagen! 🙂

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